George Benjamins "Written on Skin", eine der erfolgreichsten Opern des jungen Jahrhunderts, ist keineswegs schmeichelnde oder gar leichte Kost. Inhaltlich zwischen "Frau ohne Schatten" (Anerkennung der Frau als Individuum durch Konflikt-Zuspitzung) und "Titus Andronicus" (kulinarische Feindverwertung), fällt die Oper musikalisch "Elektra"-gleich mit der Tür ins Haus. "Blaubarts Burg" kommt in den Sinn und "Peter Grimes". Benjamins Lehrer Messiaen ist bestenfalls in der transparent-exotisch gehaltenen Klanggestaltung zu erahnen.

Dirigierte seine Oper in Wien: George Benjamin. - © afp/Horvat
Dirigierte seine Oper in Wien: George Benjamin. - © afp/Horvat

Auf Pergament - "Skin" - geschrieben ist das Buch, in welches der junge Auftragskünstler des "Beschützers" Historie schreiben soll. Die vernachlässigte Frau lernt die Welt der fleischlichen, psycho-sexuellen Lust mit dem Künstler kennen, da ihr Mann auch auf explizites Bitten diese Seite nicht gewähren will. Agnès sucht die Eskalation, lässt den Künstler ihre Affäre aufzeichnen und ihrem Mann unter die Nase reiben. Musikalisch wird es am beeindruckendsten, wann immer diese gezwungene Anerkennung der Ehepartner-Persönlichkeit in Angriff genommen wird. Gehorsam, Auflehnung, Unterdrückung, Sex und Mord werden karg und unbarmherzig, laut und schauderhaft vertont und im Konzerthaus vom Orchestre Philharmonique de Radio France unter Benjamins Leitung umgesetzt.

Gut endet das für keinen: Das Herz des Countertenor-Künstlers (Tim Mead, mit sicheren, klaren Höhen in seiner anspruchsvollen Partie) wird als Cœur Stroganoff verarbeitet. Chefkoch ist "Der Beschützer" (Ross Ramgobin, nuancearm, aber laut und klar singend). Georgia Jarmans Agnès (mit druckvoll-warmer, in der makellosen Höhe nicht immer angenehmer Stimme) muss die Suppe auslöffeln und springt aus dem Fenster: Es kommt zu dem bewegenden Schluss des Werkes, in dem die Musik Agnès‘ Fall wie in einer Traumsequenz in Schwebe hält und einen Blick ins funkelnd-ferne Universum wagt.