Bei bis zu 400 Euro pro Karte für die Anna-Netrebko-Show im Wiener Konzerthaus fallen zehn Euro für die Selbstdarstellungshochglanzbroschüre - vulgo Programmheft - wohl nicht mehr ins Gewicht. Dafür gibt es zwar keine Texte der gesungenen Verdi- und Puccini-Arien, aber großformatige Fotos von ihr, ihrem Mann Yusif Eyvazov, vom glücklichen Pärchen. Auf die Sozialmedienkanäle wird mitteldezent hingewiesen.

Stimmstark im Konzerthaus: Anna Netrebko. - © APAweb / apa / Georg Hochmuth
Stimmstark im Konzerthaus: Anna Netrebko. - © APAweb / apa / Georg Hochmuth

Show muss sein und Show wird geboten, in erster Linie durch Anna Netrebkos vor Kraft nur so strotzender, unverändert beeindruckender Stimme. Schon in der Eröffnungs-Elisabetta-Arie ("Tu che la vanità") zeigt sie, wo der Bartl den Most holt. Dunkel ist die Stimme und schwer, von einer Violetta inzwischen (wieder) nicht weniger weit entfernt als von einer Elektra. Dazu gibt es Gestik aus dem Opernemotionsbaukastensystem anno 1950, was verblüfft bei einer Sängerin, die ihren Namen mit dramatischem Ganzkörpereinsatz gemacht hat.

Hinter Frau Netrebko spielt das Ungarische Staatsopernorchester: Spitzenleistung zum Economy-Preis. Superbes Blech, dezente Streicher, knackige Attacken, von der Elisabetta-Arie bis hin zur gut ausgewählten, dankbaren "Attila"-Ouvertüre - von Michelangelo Mazza in höflicher Abstimmung mit der Diva geleitet. "Überraschungsgast Star-Mezzosopran Elena Maximova" trat zur Mitarbeit in der "Aida"-Schlussszene an und durfte für "Nel giardin del bello" ("Don Carlo") bleiben: ausgestattet mit just dem Hauch von ausladender Hemmungslosigkeit, dessen es vielleicht bedarf, um sich breitenwirksam darzustellen.

Der schmetterfreudige Yusif Eyvazov durfte freilich auch mitauftreten bei diesem Mischpochen-Termin: Nicht schlecht, aber ermüdend eindimensional sein Auftritt. Ein wenig wie die Karikatur eines altmodischen italienischen Tenors im Dauerfortissimo. Trotzdem passte alles irgendwie bei diesem bejubelten, zugabengenerösen Netrebko-Abend.