Dem Mann glaubt man ganz einfach.

Soll heißen: Selbst, wenn man nicht Igor Levits Auffassungen vertritt, anerkennt man sein Engagement. Einem anderen Künstler, der sich auf diese Weise in Politik und Fragen des Zusammenlebens einmischt, würde man Profilierungssucht vorwerfen. Man würde ihm unterstellen, sich mit gesellschaftspolitischen Aktivitäten eine Aufmerksamkeit zu sichern, die ihm rein künstlerisch nicht zukommt.

Bei Levit ist das von vorneherein anders. Denn der am 10. März 1987 im damaligen Gorki, dem heutigen Nischni Nowgorod geborene russisch-deutsche Musiker ist einer der aufregendsten  Pianisten der Gegenwart. Derzeit kann man ihn auf Twitter erleben: In der Corona-Krise veranstaltet er Hauskonzerte unter dem Motto "Du bist nicht allein". Sein Ziel ist nicht nur, auf hohem Niveau zu unterhalten, sondern auch, auf die durch die notwendige Stilllegung prekär gewordene Lage der Künstler, speziell der freiberuflichen, aufmerksam zu machen.

Erstes Konzert als Vierjähriger

Schon Levits künstlerischer Werdegang ist bemerkenswert: Erstes Konzert als Vierjähriger, erstes Konzert mit Orchester als Sechsjähriger: Mit dem Philharmonie-Orchester von Nischni Nowgorod führte er Händels F-Dur-Klavierkonzert auf.

Dann, 1995, Übersiedlung nach Hannover, weil die Eltern in die deutsche Musikerausbildung mehr Vertrauen setzen als in die russische. Nach einer Zwischenstation am Salzburger Mozarteum studiert er am damals neuen Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter (IFF) der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Seine Lehrer sind Karl-Heinz Kämmerling, Matti Raekallio und Bernd Goetzke. Der Cembalist Lajos Rovatkay begeistert ihn für die historische Aufführungspraxis. 2010 schließt Levit sein Studium ab. Das Konzertexamen, das er u. a. mit den Diabelli-Variationen von Ludwig van Beethoven bestreitet, besteht er mit der höchsten Punktzahl in der Geschichte der Hochschule. Bereits seit 2000 konzertiert Levit de facto weltweit. Seit 2019 ist er  Professor für Klavier an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Das Außerordentliche an Levit ist, wie er den Notentext auf seine spezifische Bedeutung hin liest. Dabei bleibt Levit aber auf der Ebene der Musik. Er geheimnisst keine außermusikalischen Bilder und Geschichten in die Noten hinein, sondern versucht, das musikalisch Ausdrückbare mit größtmöglicher Plastizität zu absolvieren. So sagt er etwa über die letzte der "Goldberg-Variationen" Bachs, er habe das Gefühl, das Stück nähme Abschied. Levits Repertoire umfasst vor allem Werke von Bach und Beethoven, aber auch die monumentalen Klavierwerke des US-amerikanischen Komponisten-Pianisten Frederic Rzewski. Und Levit nützt die neuen Medien. So betreibt er auf dem Hörfunksender BR Klassik einen Klavier-Podcast, in dem er sukzessive alle Klaviersonaten Beethovens vorstellt.

Politisch engagiert

Doch mit Musik allein ist es bei Levit nicht getan. Levit, der aus einer jüdischen Familie stammt, tritt gegen Antisemitismus auf, etwa gab er aus Protest gegen die Auszeichnung der Rapper Farid Bang und Kollegah bei der Echoverleihung 2018 seinen eigenen Echo zurück. Seine Stellungnahmen gegen den Antisemitismus trugen ihm eine Morddrohung ein. Auf sie reagierte er am 29. Dezember 2019 im Tagesspiegel mit dem Beitrag "Habe ich Angst? Ja, aber nicht um mich." Diesen Artikel nahm der deutsche Bundestagspräsident Schäuble zum Anlass, alle Bürgerinnen und Bürger aufzufordern, "dem Antisemitismus in Deutschland Einhalt zu gebieten".

Aber Levit mahnt auch immer wieder zum friedlichen Zusammenleben mit Muslimen und Migranten. Fridays for Future unterstützte er 2019 mit einem Klavierkonzert auf der Straße. Das trug dem Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen weitere Anfeindungen ein.

Zum Schweigen bringen sie Igor Levit freilich nicht. Er mischt sich ein, und wird es wohl auch weiter machen. Man hört auf ihn.

Dem Mann glaubt man ganz einfach.