Noch nie vielleicht war ein Pianist so allein mit einem Werk so gigantischen Ausmaßes: Igor Levit führte Dmitri Schostakowitschs "24 Präludien und Fugen" im Twitter-Livestream auf. Ohne Pause. Zweieinhalb Stunden Musik. Nichts Einfaches, weder für den Pianisten, der nicht nur mit irrwitzigen Tempi konfrontiert ist, mit dem Problem, die scheinbare Gleichförmigkeit, in der es kaum Triolen, nur wenige Synkopen und innerhalb der einzelnen Stücke so gut wie nie eine Kontrastwirkung gibt, mit Leben zu erfüllen, und sich der Herausforderung stellen muss, die verschlungensten Stimmengefüge durchhörbar zu machen.

Auch der Zuhörer muss Hör-Arbeit leisten: Das ist Musik, die sperrig ist, die Bachs kontrapunktische Disziplin durch den russischen Futurismus und durch den Neoklassizismus gefiltert hat. Sie bietet keine oberflächliche Schönheit. Sie fordert. Verlangt Konzentration. Hingabe sogar.

Levit, Spezialist für die weiträumigen Klavierwerke eines Bach, eines Beethoven und eines Frederic Rzewski, begreift den gewaltigen Schostakowitsch-Zyklus als 23 Betrachtungen verschiedener Individuen, die in einem finalen solidarischen Wir gipfeln: Die Programmierung für den Heidelberger Frühling erfolgte lange vor der Corona-Krise, hätte aber auch für die derzeitige Situation nicht passender sein können.

Levit ist allein im Saal, nur ein Kamerateam sucht von irgendwo die besten Aufnahmepositionen. Das Publikum hat zu Hause vor den Bildschirmen Platz genommen. Seltsames schießt durch den Kopf: Sitzt da einer bei einem Glas Rotwein? Bei Bier und Nussmischung? Im Bademantel? In Anzug oder Abendkleid, weil Disziplin sein muss?

Egal. Die Corona-Isolation hat alle Zuhörer gleich gemacht. Einen besseren Platz hat nur, wer sich zu Hause besser setzt.

Vielschichtiges Denken

Levit beginnt ganz beiläufig: Schöner Anschlag, vernünftiges Tempo, klare Linien. Von Stück zu Stück verdichtet er den Ausdruck. Seine enorme Bühnenpräsenz teilt sich auch im Livestream mit. Er erfüllt die Noten mit Leben. Da steht nicht ein Stück neben dem anderen. Levits architektonischer Zugriff ist weiträumig. Er denkt immer das nächste und übernächste Stück mit, kalkuliert, dass nicht nur er für das Finale rein physisch Kraftreserven braucht, sondern auch, dass er den Flügel nicht überspielen darf, um einen Verlust an Klangqualität zu vermeiden.

Wunderbar diese Legati: Auch in den langsamen Sätzen, etwa der 13. Fuge, zerfasert nichts, der Klang ist gleichmäßig. Hat je zuvor ein Klavier, das doch, genau genommen, ein Schlagzeug ist, bei dem Hämmerchen gegen Saiten schlagen – hat also je zuvor ein Klavier dermaßen vibrierend gesungen als wäre es ein Streicherkammerensemble? In der elften Fuge spielt Levit spitze Staccati und darüber dahinperlende Legati, als wären zwei Pianisten auf zwei Klavieren zugange, weil man eine derartige Unabhängigkeit der Hände in der Gleichzeitigkeit bei einem Menschen nicht für möglich hält: nicht, weil es technisch nicht machbar wäre, sondern weil es ein paralleles Denken zweier entgegengesetzter Ereignisse erfordert.

Der Zuhörer, der ja auch Zuschauer sein darf, verfolgt fasziniert Levits Mimik: Man liest in seinem Gesicht die kleinen Triumphe, die Freude, aber auch Schmerz. Man spürt am Ende der achten Fuge, wie sehr ihn die aufbegehrende Trauergestik emotional mitgenommen hat. Das ist nicht gemacht, das ist keine Schauspielerei. Man hat es ja selbst gehört.

Das Finale: Ein Fanal der Solidarität. Dem Zuhörer wird bewusst, dass die Corona-Krise eine neue Situation schafft: Man sitzt nicht gemeinsam in einem Saal in Heidelberg (oder Wien oder München), man ist kraft der Musik, kraft dieses Musikers, in Gemeinschaft mit Menschen in Dresden, Berlin, Graz, Salzburg, Zürich, Hamburg. Die Musik der Solidarität für eine solidarische Gemeinschaft über Grenzen hinweg. Auftrumpfende Geste, endlos lange gehaltener Schlussakkord. Levit atmet tief durch. Klopft auf den Klavierhocker. Entspannt sich. Das Licht verlischt. Es gibt keinen Applaus. Nur aufgewühlte Gefühle. Es wird wohl auch Beglückung unter ihnen sein.