Es wäre ein Aufgebot ohnegleichen gewesen, selbst für den Musikverein. Ab Mai hätte der Wiener Klassiktempel seinen 150. Geburtstag mit einem Festival der Rekorde zelebriert. Allein am ersten Wochenende hätten die Wiener und Berliner Philharmoniker vier Auftritte bestritten, in der Folge wären alle Beethoven- und Mahler-Symphonien kredenzt worden. "Nicht gerade ein Low-Budget-Projekt", so nannte es Intendant Thomas Angyan im Vorjahr stolz. Positiver Nebeneffekt: Es hätte ihm seinen Abschied nach 32 Jahren an der Spitze versüßt.

Nun sind sämtliche Veranstaltungen bis Ende Juni verboten. Und Angyan muss sang- und klanglos abtreten. Schmerzt ihn das? "Selbstverständlich", sagt er am Telefon. "Aber mehr noch, dass wir das Jubiläum nicht prominent feiern können." Immerhin: Die Lage sei nicht existenzbedrohlich. Finanzpolster wie das Horst-Haschek-Erbe federn den Verlust ab, das Personal ist in Kurzarbeit. 326 Veranstaltungen fallen der Krise zum Opfer. Rein rechnerisch beläuft sich das Minus aus dem Kartensektor und anderen Geschäftsfeldern auf 8,4 Millionen Euro. Zugleich müssen aber Gagen in Höhe von 5,6 Millionen Euro nicht bezahlt werden, womit sich der tatsächliche Verlust auf 2,8 Millionen verringert.

Weitere Misslichkeiten

Angyan rechnet aber mit weiteren Misslichkeiten. Fraglich etwa, ob die Reisefreudigkeit nach dem Sommer wieder global zurückkehrt - Touristen sind ein nicht unwesentlicher Faktor im Wiener Klassikbetrieb. Zudem: Die Angst vor Ansteckung könnte auch heimische Musikfreunde hemmen. Angyan: "Den Weg zurück zur Normalität sehe ich in der Saison 2020/21 noch nicht."

Das Wiener Konzerthaus hat keine vergleichbaren Rücklagen - und darum mehr Sorgen. Ein Kulturbetrieb, der fast 90 Prozent seiner Einkünfte selbst verdient, "kann es sich mittelfristig nicht leisten, zuzuhaben", warnte Intendant Matthias Naske schon Mitte März. Dieser Tage will er sich nicht offiziell äußern. Aus dem Haus heißt es, die Lage sei "dramatisch", die Belegschaft in Kurzarbeit. Das Betriebsbüro bemüht sich um Schadensbegrenzung und hat einige abgesagte Rosinen-Termine - wie die Auftritte von Chick Corea, Lang Lang und Anne-Sophie Mutter - in den Herbst verschoben, auch in den August könnten Veranstaltungen wandern.

In den Bundestheatern liegen die Verlustprognosen auf dem Tisch: Die fehlenden Karteneinnahmen bescheren Staats-, Volksoper und Burgtheater ein Gesamtminus von 20 Millionen Euro. Allein die Volksoper beziffert ihren Entgang mit 3,5 Millionen Euro. Das Haus am Währinger Gürtel wird versuchen, zumindest die abgesagte "Boris Godunow"-Premiere nachzuholen. Die Staatsoper wiederum wollte in dieser, der letzten Saison von Direktor Dominique Meyer noch "Così fan tutte" und den "Maskenball" neu inszenieren. Ob Nachfolger Bogdan Roščić etwas davon in seinen Spielplan übernimmt, ist ungewiss - er wird seine Pläne am 26. April vorstellen. Klar ist jedenfalls: Um im Herbst termingerecht zu starten, muss vor der Sommerpause mit dem Proben begonnen werden. Darum erhofft sich Christian Kircher, Geschäftsführer der Bundestheater-Holding, von der Regierung eine baldige Klärung.

Auch das Theater an der Wien muss Federn lassen: Drei Neuproduktionen der aktuellen Saison sind abgesagt worden, eine etwaige Verschiebung steht in den Sternen. Das Haus der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) verliert aber "nur" rund eine Million Euro, weil es nach dem Stagione-Prinzip arbeitet und nicht allabendlich Vorstellungen ansetzt.

Anders sieht es im Musical-Bereich der VBW aus. Zwar wäre das Raimund Theater auch ohne Corona-Krise geschlossen, weil es derzeit saniert wird. Das Ronacher wollte bis zum Sommer aber noch ein ganzes Rudel an "Cats"-Vorstellungen abwickeln. Darum beziffern die VBW ihren Gesamtverlust im Inland mit 8,6 Millionen Euro. Ob der Konzern, der momentan ebenfalls auf Kurzarbeit setzt, im nächsten Jahr höhere Subventionen beantragen wird, ist vorerst nicht zu erfahren. Unklar auch, ob das Raimund Theater seine Tore im September plangemäß mit "Miss Saigon" öffnet.

"Auf Sicht fahren"

Michael Bladerer, Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker, bringt die Situation für das heimische Spitzenorchester mit den Worten auf den Punkt: "Wir fahren derzeit auf Sicht, planen zwei, drei Wochen in die Zukunft." Das betrifft auch eine eventuelle Teilnahme an den Salzburger Festspielen, deren Zustandekommen bis dato fraglich ist. Unstrittig sei nur: "Wenn die Festspiele ausfallen, verdienen wir auch nichts." Wobei das laut Bladerer "Jammern auf hohem Niveau" sei, verglichen mit anderen Künstlerschicksalen dieser Tage.