In die drängenden Klänge von Beethovens Fünfter Symphonie ist viel hineingeheimnist worden. Hier offenbare sich - so raunen es romantische Geister - ein leidgegerbter Künstler im Kampf mit seinem Schicksal, das unerbittlich an die Türe klopft.

So hilfreich derlei Behauptungen sind, um die Neugier für klassische Musik zu wecken: Sie sind reine Spekulation. Und sie verstellen den Blick auf die eigentliche Leistung dieser Partitur. Nämlich auf ihre Kühnheit. Tatata-ta! Reichen diese vier Noten wirklich, um eine ganze Symphonie zu tragen? Bei der Uraufführung 1808 mag das kaum jemand gedacht haben - war man in der Instrumentalmusik doch gesangliche, geräumige Melodien gewöhnt. Beethovens Experiment muss gehörig verblüfft haben - bevor es selbst zum Klassiker aufstieg.

Ludwig van Beethoven Symphonie Nr. 5
Ludwig van Beethoven Symphonie Nr. 5

Teodor Currentzis gelingt das Kunststück, diesen Wagemut wieder hörbar zu machen. Vor zwei Jahren hat er die Symphonie mit MusicAeterna, seiner Orchestergefolgschaft aus Russland, im Wiener Konzerthaus aufgeführt, der Mitschnitt ist soeben bei Sony Classical in digitaler Form erschienen und begeistert. Currentzis verzichtet auf romantischen Klangspeck und präsentiert die ersten Minuten nahezu im Telegrammstil: trocken, abgehackt, hurtig, hart. Doch die Rasanz ist nicht mit Eilfertigkeit zu verwechseln. Mag sein, Currentzis ist kein liebevoller Botschafter der Melodie, er poliert sie nicht auf Hochglanz. Dafür arbeitet er pedantisch am Rhythmus, an den Klangbalancen und an der Spannungsarchitektur. Das macht sich bezahlt: Lautstärkenverläufe entwickeln nahezu magnetische Kräfte und unterstreichen Beethovens verblüffende Wendungen, Akzente wirken wie elektrisch aufgeladen. Fast meint man, ein Arzt würde einem Herzinfarkt-Patienten mit einem Defibrillator zu Leibe rücken. Stimmt zwar: Das Paukengetöse und die Tempobolzerei schießen beizeiten übers Ziel. Nichtsdestotrotz eine beglückende Botschaft, die Currentzis mit seinen vielen Rufzeichen vermittelt: Diese! Musik! Hat! Etwas! Zu! Bedeuten!

Béla Bartók Music for Strings, Percussio and Celesta
Béla Bartók Music for Strings, Percussio and Celesta

Das gilt auch für die neue Aufnahme von Paavo Järvi. Der Multi-Chefdirigent hat sich mit seinem japanischen Klangkörper, dem NHK Symphonieorchester, in das Werk von Béla Bartók gekniet. Nun würde man zwar erwarten, dass Järvi das perkussive Gepräge dieser Musik auskostet. Immerhin ist er in den Nullerjahren schon so mit Beethovens Symphonien verfahren und dafür gefeiert worden. Zudem birgt Bartóks Musik ruppige Tanzenergie. Jedoch: Järvi kostet sie nur in Maßen aus. Mehr konzentriert er sich auf die Farbenkraft dieser Hybridgeschöpfe zwischen Folklore und vertrackter Moderne. Wer die "Musik für Streicher, Schlagzeug und Celesta" in vollem Schuss erleben will, ist mit der Aufnahme von Fritz Reiner und dem Chicago Symphony Orchestra (1958, RCA) besser bedient. Järvi lässt dafür das Kolorit süffiger schillern und bringt Bartóks flirrende Momente ebenso berauschend zur Geltung wie jene Gruselpassagen, die schon Stanley Kubrick für seinen Horrorfilm "The Shining" weidlich ausgeschlachtet hat. Ebenfalls zu hören: Das rare Divertimento für Streichorchester und die furiose Tanz-Suite.