Das Decca-Label hat in seinem Archiv gestöbert und eine CD mit einigen weniger bekannten Werken von Benjamin Britten zusammengestellt: "Cantata Academica - Carmen Basiliense", "Hymn to St. Cecilia", "A hymn to the Virgin", "Choral Dances from Gloriana", Missa Brevis und "Rejoice in the Lamb". Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1957 bis 1961, wenn Britten nicht selbst dirigiert, dann garantieren Künstler aus seinem Kreis, etwa Jennifer Vyvyan, Peter Pears oder George Malcolm, für gleichsam autorisierte Interpretationen.

Britten ist immer interessant - auch dann, wenn er hin und wieder mehr mit seinem virtuosen Handwerk als mit echter Inspiration komponiert. Aber solche Grenzen sind ohnedies fließend. Wer will schließlich entscheiden, was das eine, was das andere ist? Bei Mozart, Schubert und Mahler, dreien der Ideale Brittens, ist das schließlich auch nicht möglich.

Benjamin Britten Cantata
Benjamin Britten Cantata

Zugegeben: Bei der "Cantata Academica" muss man, nach dem frischen Beginn, sehr viel sehr eindeutiges Handwerk hinter sich bringen, bis sich der achte Satz über einer weit geschwungenen zwölftönigen Melodie entwickelt, die ein reizvolles Wechselspiel von Tonalität und tonaler Instabilität ermöglicht. Wer außer Britten hat dergleichen komponieren können? Und die beiden Finalsätze machen die streckenweisen Dürreperioden endgültig vergessen. Kein schwaches Werk - nur eines, in dem Britten sehr oft seine Rezepte wiederholt, die er in der "Spring Symphony" und im "War Requiem" überzeugender angewendet hat.

Ralph Vaughan Williams Symphonien 3 und 4 (Hyperion)
Ralph Vaughan Williams Symphonien 3 und 4 (Hyperion)

In den Chortänzen aus "Gloriana" transponiert Britten die Musik der Renaissance in seine Gegenwart - ob die Auskoppelung aus der Oper ganz glücklich ist, sei dahingestellt. Die Messe ist etwas spröde und, selten bei Britten, eigentümlich kurzatmig.

Aber die CD macht auch mit zwei wunderbaren Werken bekannt: Die Cäcilien-Hymne nach einem Text W.W. Audens preist die Schutzpatronin der Musik in leuchtenden Harmonien und einem Refrain, den man sofort nachsingen kann. Obendrein: Das Arioso "O dear white children" ist eine von diesen Inspirationen Brittens, in denen Schönheit und Schlichtheit eine vollkommene Verbindung eingehen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Ähnlich die Kantate "Rejoice in the Lamb" nach der visionären Dichtung des wahnsinnigen Poeten Christopher Smart: Soli und Chor werden von der Orgel begleitet. Der Klang ist von hinreißender Frische. Und etwas Schöneres als die Arien über die Maus und die Blumen hat selbst Britten nicht oft geschrieben.

Um in England zu bleiben: Martyn Brabbins legt ungeheuer spannende Interpretationen der Dritten und der Vierten Symphonie von Ralph Vaughan Williams vor. Eigentlich seltsam: Anders als bei Britten, scheinen sich um Vaughan Williams nur seine Landsleute zu kümmern. Der russische Dirigent Gennadi Roschdestwenski dürfte tatsächlich der einzige Nicht-Brite sein, der jemals mit einem nicht-britischen Orchester eine Gesamteinspielung der neun Symphonien vorgelegt hat.

Die Dritte hat den Titel "Pastoral" - aber ihre Stille ist nicht die des ländlichen Friedens, sondern die der im Ersten Weltkrieg verwüsteten Felder. Aus Trostlosigkeit und Trost resultiert eine Spannung, die keiner lautstarken Höhepunkte bedarf, um den Atem stocken zu lassen. Die "Vierte" ist dann der emotionale Ausbruch: herb, bitter, beschwörend. Nie zuvor und wieder, auch nicht in seiner fulminanten "Sechsten", hat Vaughan Williams auf dem Niveau dieser beiden Symphonien komponiert. Meisterwerke in idealen Aufführungen!