Zumindest am Ende gibt es Beifall. Die Sängerin spendet ihn selbst. Die Frau in der Galarobe klatscht leise in die Hände, haucht ihren Begleitern Luftbussis zu. Das war’s aber auch schon. Abgang, Abspann, Ende der TV-Übertragung.

Vieles Denkunmögliche ist in den Vorwochen geschehen. Das größte Paradox für Opernfreunde ereignete sich aber wohl am Sonntag. Die Frau, die im leeren Saal klatschte, war nämlich Anna Netrebko. Auch ihre Karriere liegt derzeit auf Corona-Eis. Die Vielfliegerin sitzt in Wien fest - ebenso wie etliche ihrer Kollegen. Der ORF hat diese Gelegenheit für ein All-Star-Event (hier abrufbar) beim Schopf gepackt. Gemeinsam mit der Staatsoper hat der Sender im Wiener Radiokulturhaus eine Art Geisterkonzert organisiert. Selbstverständlich unter Einhaltung der Vorschriften: Die Orchesterstücke waren hübsch für Klavierquintett arrangiert worden und die Musiker so luftig platziert, dass dazwischen eine ganze Horde Babyelefanten gepasst hätte.

Auf dieser Nussschalen-Bühne erlebte man tatsächlich Weltspitze - begonnen mit Juan Diego Flórez, der seinen Herzensbrechertenor in den Dienst Verdis stellte. Tomasz Konieczny, bekannt als Operngott Wotan, machte dem menschlichen Kuschelbedürfnis mit Gershwins "Embraceable You" Luft. Man hätte ihm ebenso gern Beifall geschenkt wie Jongmin Park, der die Zeit mit Francesco Paolo Tostis Ballade "Ideale" stillstehen ließ. Kollegin Valentina Nafornita zwitscherte sich wiederum mit Gounods "Juwelen"-Arie einem Vehemenzgipfel entgegen. Kurios und grandios drei Videogrüße aus der Ferne: Da schmetterte Piotr Beczała in seinem polnischen Kaminzimmer eine "Fedora"-Arie, säuselte Jonas Kaufmann einen Wien-Schlager. Und Andreas Schager entstieß sich mit Begleitgeigerin im Apfelbaum (Gattin Lidia Baich) "You’ll Never Walk Alone". Das Gala-Finale setzte es live auf der Bühne: "Non ti scordar di me", "Vergiss mich nicht", seufzten Netrebko und Ehemann Yusif Eyvazov in den Äther - eine Befürchtung, die sich nicht erfüllen dürfte, auch nicht für diesen Konzerthöhepunkt.