In der Fernsehserie "Ausgerechnet Alaska" fragt einmal der stoische Indianer den jüdischen Arzt, was ihm lieber sei: Das Foto eines Adlers zu besitzen oder einen lebenden Adler, und sei es nur für einen Moment, zu sehen. Daran fühlt man sich erinnert, wenn man Musiker aus dem Klassik-Sektor danach fragt, ob der durch die Corona-Krise erzwungene Rückzug in den virtuellen Raum auf lange Sicht Auswirkungen auf das Konzertleben haben wird.

Wie wenige differenzierte Statements eintreffen, ist auch ein Seismogramm für den Umgang von Musikern mit der neuen Situation. Nur wenige machen aus der Not im gleichen Ausmaß eine Tugend wie der russisch-deutsche Pianist Igor Levit, der seine täglichen 19-Uhr-Hauskonzerte auf seinem Twitter-Kanal auch dazu benützt, auf selten gespielte Werke aufmerksam zu machen: Da standen Schostakowitsch, Hindemith und Alkan auf dem Programm und jüngst die "Passacaglia on DSCH" des Schotten Ronald Stevenson, der hier an die Grenzen des technisch Realisierbaren geht - kein Problem für Levit, dem man, trotz verbeulten Internet-Tons, ebenso gerne zuhört wie zusieht.

Fügen in das Notwendige

Vielfach scheinen die Musiker sich in die Lage zu fügen, ohne ihr eine Chance abgewinnen zu wollen. Der Umweg über die Virtualität bleibt ein Umweg. Gut möglich, dass die Fixierung auf das Konzertgeschehen im Saal, live, vor Publikum, im Denken der meisten Musiker der Klassik-Szene der größte Unterschied zu ihren Kollegen im Pop-Bereich ist.

Wobei natürlich die Corona-Krise zuerst einmal Improvisation erforderte. Was aber, wenn man an die Causa Virtualität ganz gezielt heranginge? Die österreichische Komponistin Johanna Doderer ist durch den Corona-Kulturstillstand direkt betroffen: Das Münchner Gärtnerplatz-Theater hat die Uraufführung ihrer Oper "Schuberts Reise nach Atzenbrugg" verschoben. Johanna Doderer weiß sowohl um den Wert des Live-Erlebnisses, aber auch um den neuer medialer Vermittlungsformen von Musik: "Die Online-Darbietungen im Netz sind auf Dauer kein Ersatz für unser Konzertleben und unsere Eventkultur. Wenn die Konzertsituation wegfällt, dann sind wesentlich größere technische Aufwände notwendig. Gute Aufnahmen, gute Plattformen, um an Musik heranzukommen, wären sinnvoll und zeitgemäß. Professionelle Musikvideos würden für mich einen annehmbaren Ersatz für das Konzerterleben bilden, Kreativität und Mut sind gefragt."

Auf einem anderen, nicht weniger wichtigen Blatt steht das Verhältnis zwischen dem Künstler und seinem Publikum. Bisher waren Musiker nur die Menschen auf dem Podium, weit entfernt, vielleicht sogar mit der Aura der Unnahbarkeit umgeben.

Das könnte sich geändert haben, meint der international gefeierte österreichische Dirigent Christoph Campestrini: "Die derzeitige Online-Kommunikation zwischen Künstlern und Publikum während der Corona-Krise wird sicher auch auf Dauer unsere wechselseitige Wahrnehmung verändern. So wichtig es für uns Künstler ist, in ,splendid isolation‘ der Essenz eines Kunstwerks auf den Grund zu gehen, so unabdingbar ist aber auch unser Austausch mit dem Publikum, für das wir das ja alles machen. Im Zuge dieser jetzigen Erfahrungen haben wir gelernt, dass wir uns gegenseitig auch auf privater Ebene begegnen können, sozusagen von Wohnzimmer zu Wohnzimmer. Diese unmittelbare Kommunikation, ohne Barriere einer Bühne und außerhalb der Konventionen des Konzertalltags, sollten wir uns als neue Bereicherung auch für den Alltag danach bewahren", sagt Campestrini.

Web und Konzertsaal - ab sofort Konkurrenten, allein schon, weil das Internet Zuhörer erreichen lässt, die andernfalls mühsame und kostspielige Reisen auf sich nehmen hätten müssen?

Alle Wege nützen

Das eine wird auch in Zukunft das andere nicht ausschließen, davon ist die österreichische Sopranistin Angelika Muchitsch überzeugt: "Alle möglichen Wege zur Musik und zu unserer Kultur sollten geschätzt und begangen werden - denn es sind gute, wichtige Wege. In diesem Zusammenhang und in dieser Gegenwart möchte ich betonen, dass künstlerische Online-Darbietungen und das ,gewohnte‘ Konzertleben zwei völlig unterschiedliche, nicht austauschbare, vergleichbare oder gar ersetzbare Dinge sind - weder für das Publikum noch für die Künstlerinnen und Künstler."

Dann wäre die Corona-Krise also keine Wasserscheide auf Dauer? Zumindest ist das die mehr oder minder unausgesprochene Hoffnung der Musiker.