Das Virus und die klassische Musik - Auswirkungen oder nicht, das ist die Frage.

Die Auswirkungen auf die Präsentation klassischer Musik liegen auf der Hand: Opern- und Konzerthäuser sind geschlossen. Orchester wie die Wiener Philharmoniker oder die Bamberger Symphoniker testen, wie weit Bläser das Virus durch Aerosole verbreiten können. Die Philharmoniker kommen zum Schluss, dass sich die Atemluftwolke aus einer Querflöte am weitesten ausbreitet, nämlich 75 Zentimeter. Fazit: Es ist fast unmöglich, sich am Pult anzustecken.

Im Wort "fast" liegt freilich die Problematik: Kumulieren die Bläseraerosole? Was sagen Klarinettisten und Oboisten dazu, wenn sie im Zirka-80-Zentimeter-Abstand vor den Flöten sitzen, und zwar nicht für einen Test, sondern für ein Konzert? Und überhaupt die 80-Zentimeter: Welche Werke kann man da noch aufführen? Bei einer Mahler-Symphonie müsste man das Orchester im Parkett des Zuhörerraums platzieren und die Zuhörer auf Balkon und Galerie. Apropos: Steigen die ausgestoßenen Aerosole der rund 30 Bläser in der warmen Luft eines Konzert- oder Opernhauses eigentlich auf? Alles schon getestet oder läuft das unter "Eigenverantwortung", nämlich der des Publikums?

Kurze Schließung der Oper

Wienerisch gesagt: Es ist ein Gwirks. Und vermutlich wird einiges Wasser die Donau hinunterfließen, ehe Opern und Konzerte (und natürlich auch Theater) wieder stattfinden können, ohne dass man mit mulmigen Gefühl im Ein-Meter-Zuschauerabstand Platz nimmt.

Seinerzeit, bei der Spanischen Grippe, die 1918 auch in Österreich angekommen ist, ist man weniger umsichtig vorgegangen als heute. Zwar gab es damals schon Schließungen, aber die währten nur kurz, was etwa ein Blick auf den Spielplan der Wiener Staatsoper lehrt: "Salome" von Richard Strauss war am 14. Oktober 1918 als Erstaufführung im Haus am Ring als wohlkalkulierter Publikumsmagnet herausgekommen. Dazu standen auf dem Spielplan Donizettis "Lucia di Lammermoor", Gounods "Margarethe", Bizets "Carmen", Verdis "Troubadour", weiterer Strauss, etwas Ballett ("Die roten Schuhe", "Die Puppenfee", "Sonne und Erde"). Am 20. Oktober ging die Wiener Staatsoper mit dem Ballett "Die Roten Schuhe" in die Sperre. Am 1. November öffnete sie, anders als etwa die Kinos, die noch Mitte November gegen die Schließungen protestierten, schon wieder ihre Tore mit "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss. Man hat in der Staatsoper offenbar über die Epidemie weggespielt.

Für den Zeitraum von 1918 bis 1920 rechnen Historiker mit etwa 6500 Grippetoten. Natürlich gehen die Toten nicht alle auf das Konto von Opernhäusern. Dennoch sollten die Zahl all jene im Kopf behalten, die jetzt Minimalschutz (wenn überhaupt) und bedenkenlos geöffnete Theater und Vergnügungsstätten fordern oder glauben, dass die Wiener Wurschtigkeit das Virus schon vertreiben wird.

Aber noch ein anderer Aspekt im Zusammenhang von Corona und klassischer Musik ist interessant: Reagieren die Komponisten mit Stücken auf die Pandemie? Im Pop-Bereich gibt es immerhin Parodistisches, wie "Wiener Zeitung"-Feuilletonredakteur Christoph Irrgeher herausgefunden hat. Hinkt die Klassik hinter der reaktionsschnelleren Popmusik nach? - Weil die Popmusik unter Zuhilfenahme von Elektronik mit relativ simplen Mustern vorgeht, während die Komplexität der Neuen Musik einen höheren Zeitaufwand allein beim Kompositionsprozess erfordert?

Gerade, dass sich manche Pianisten und Organisten ein Scherzlein machen, indem sie die Tasten mit einem Desinfektionstuch traktieren und dadurch allerhand Dissonanzen aus den Instrumenten holen. Aber sonst? Wenigstens dies: Der Brite Thomas Hewitt Jones steuerte das Optimismuslied "Can You Hear Me?" bei, seine Landsfrau Dani Howard’s eine denk-positive "little musical message to the world". Werben um Solidarität und Durchhalten in der Krise. Was sonst sollte es auch sein?

Für eine Corona-Oper oder Corona-Symphonie ist die Zeit der Krise noch zu kurz. Großwerke dieses Ausmaßes brauchen etliche Monate, eventuell sogar Jahre, um zu reifen und ausgearbeitet zu werden. Wird sich etwas an den Besetzungen ändern? Werden Komponisten kleine Ensembles bevorzugen, weil sie im Kopf die Sicherheitsabstände mitdenken? Wird Musik für Solo-Instrumente einen Höhepunkt erleben? Oder geht - hoffentlich - die Krise schnell genug vorüber, dass kein Komponist seine abendfüllende große Oper zur zehnminütigen Suite für Solocello umbauen muss?

Pest ohne musikalische Folgen

Abgesehen davon: Welche Werke der klassischen Musik kennt man, die von einer aktuellen Pandemie, oder, um es mit dem alten Ausdruck zu sagen: Seuche inspiriert wurden? Die Betonung liegt dabei auf "aktuell". Es geht nicht um die Pest, die in Richard Rodney Bennetts "Mines of Sulphur" eine Rolle spielt, denn die Oper des "Mord im Orientexpress"-Komponisten (der Film von 1974 mit der grandiosen Jazz-Partitur) kam 1965 heraus, während die Pest in London genau 300 Jahre zuvor gewütet hat.

Ein einziges wenigstens halb-klassisches zeitgenössisches Lied zur Pest kommt in den Sinn, nämlich das vom "lieben Augustin". Aber hat Marc’Antonio Ziani, Hofkapellmeister von Karl VI. in Wien, etwas zur Pest verfasst? Gibt es ein Jugendwerk von Johann Joseph Fux zu dem Thema?

Erstaunlicherweise ziehen die Seuchen an den meisten Komponisten spurlos vorbei - und keineswegs nur an den Zeitgenossen der Pandemie, sondern auch an den Nachgeborenen. "Erstaunlicherweise", weil die Kernthemen der Oper Liebe und Tod sind und sich ein Stoff mit der Pest als gleichsam totentanzartigem Hintergrund durchaus eignen würde.

Doch selbst bei diesem großen Menschheitstrauma findet sich viel eher in der Literatur eine Aufarbeitung als in der Musik. Man muss suchen, um etwas zu finden, etwa die erwähnte Oper Bennetts, die 1838 uraufgeführte Oper "Guido et Ginevra ou la Peste de Florence" von Jacques Fromental Halévy, das Oratorium "The Plague" des spanischen Arnold-Schönberg-Schülers Roberto Gerhard nach dem Roman von Camus, das Konzertstück "Conte Fantastique (The Masque of Red Death)" nach Edgar Allan Poes Erzählung vom Debussy-Schüler André Caplet.

Im Fall von Aids sieht es ähnlich aus: Die aufwühlende Erste Symphonie des US-Amerikaners John Corigliano nimmt direkten Bezug auf Aids. Eventuell kann man Hans Werner Henzes weiträumiges instrumentales "Requiem" hier einordnen, wenngleich es weniger auf die Krankheit direkt Bezug nimmt als auf den an Aids verstorbenen London-Sinfonietta-Leiter Michael Vyner.

Tuberkulose mit Koloratur

Die einzige Infektionskrankheit, die nachhaltige Spuren in der klassischen Musik hinterlassen hat, ist die Tuberkulose: Ausgerechnet eine Lungenkrankheit verhilft zu Koloraturen in Verdis "La Traviata" und zu breit ausgesungenen Melodien in Puccinis "La Bohème". Womit diese Werke auch herhalten müssen, wenn Regisseure ein Bakterium komponiert finden, aber einen Virus meinen. Dabei folgen sie nur dem Rockmusical "Rent", dessen Autor und Komponist Jonathan Larson "La bohème" für das Aids-Zeitalter überschreibt.

Dass man dementsprechend auch, sobald die Opernhäuser wieder spielen können, eine Flut von "La Traviata"- und "La Bohème"-Aufführungen in Masken-Anspielungen zu sehen bekommen wird, kann als sicher angenommen werden. Oder es schreibt wirklich ein Komponist eine Oper, die das Thema Corona aufarbeitet. Selbst auf die Gefahr hin, dass ein Regisseur daraus die Pest macht.