Man möchte es nicht glauben, aber: Die Corona-Krise hat das Wiener Konzerthaus zum bisher längsten Stillstand in seiner Geschichte gezwungen. "In den 106 Jahren gab es nur zwei Schließungen über eine ausgedehnte Zeit", erzählt Intendant Matthias Naske. "Das eine Mal vom 12. bis 22. Februar 1934 aufgrund des Bürgerkriegs, das andere Mal vom 1. bis 26. April 1945 am Ende des Zweiten Weltkriegs." Den bitteren Rekord stellte nun die Pandemie auf: Sie legte das Haus 88 Tage lahm.

Umso glücklicher ist Naske, am Freitag den Betrieb wieder aufzunehmen: Die Wiener Symphoniker und der Pianist Igor Levit begrüßen das Publikum mit Musik von Mozart und Grieg zurück, das Programm wird allein am Freitag zweimal gespielt - was dem Umstand Rechnung trägt, dass bis Monatsende nur 100 Besucher pro Konzert gestattet sind.

Wäre es finanziell nicht klüger, noch geschlossen zu halten? Naske wollte sich von den "betriebswirtschaftlichen Unbilden" des Unterfangens nicht abschrecken lassen. Der Neubeginn sei vor allem der "Ausdruck des Wunsches, die Nähe zu den Menschen wieder zu suchen. Es ist ein Zeichen der Hoffnung und als solches genau verstanden worden."

"Vieles wird möglich sein"

Das Interesse fehlt jedenfalls nicht: Die Karten, die für den Rest der Saison aufgelegt worden sind, waren in der Vorwoche binnen Stunden ausverkauft. Bis 9. Juli bietet das Konzerthaus vorerst Programm, darunter Auftritte von Rudolf Buchbinder, Franui und Julian Rachlin, auch die "Sommermusikwoche" für Menschen mit und ohne Behinderung findet statt. Danach geht die Bühne in eine verkürzte Sommerpause und öffnet bereits Mitte August wieder. Naske denkt nicht, dass sich das Publikum dann eher fürs Sonnenbaden als für die Tonkunst begeistert: "Das hängt von der Spektakularität des Geschehens ab. Die Sehnsucht nach Kultur und Konzerten wird so groß sein, dass ich mir keine Sorgen mache."

Und im Herbst? Wird die nächste Saison so stattfinden, wie Naskes Team es ursprünglich geplant hat? Schwierige Frage. "Ich könnte spekulieren, aber das tue ich nicht gern, ich halte mich lieber an Fakten." Naske wartet auf eine Verordnung, die Gesundheitsminister Rudolf Anschober für Mitte Juni angekündigt hat. Sie soll die Parameter liefern, um den Spielbetrieb wirklich festzusetzen. Gewiss, die Wartezeit bis dahin ist nicht gerade ein Seelenbalsam. Naske hat dennoch Verständnis für die Arbeitsweise der Regierung. Die Vorwochen hätten ein Dilemma offenbart, sagt er: "Die zeitlichen Dimensionen, mit denen die Gesundheitspolitik bei der Eindämmung der Pandemie arbeitet, sind mit den zeitlichen Dimensionen des Kulturbetriebs im Grunde nicht kompatibel." Kurz gesagt: Während sich die Regierung nur von Woche zu Woche hangeln kann, planen Bühnen Jahre voraus. Naske: "Ich glaube aber, dass die Politik über unsere Situation Bescheid weiß und wir gehört werden."

Nicht nur deshalb ist er guter Dinge für Herbst. Angesichts der Zahl der Neuinfektionen scheint "nichts gegen einen zivilisierten Spielbetrieb zu sprechen, der auf die Situation ausgerichtet ist". Zwar wären Stehkonzerte vorerst kaum denkbar, zudem könnten Reisebeschränkungen noch ein paar Probleme aufwerfen, aber: "Ich glaube, es wird vieles wieder möglich sein." Naske hofft, dass die Beschränkungen fallen und er unter gewissen Sicherheitsauflagen wieder das gesamte Kartenkontingent verkaufen darf. Aber wie gesagt: Er spekuliert nicht gern. Naske verweist auf ein Präventionskonzept, das die größeren Bühnen derzeit gemeinsam erarbeiten. Es soll dem Gesundheitsminister vorgelegt werden und ab Herbst Anwendung finden. Wie weit ist dieses Projekt gediehen? Das Papier sei noch im Entstehen, heißt es aus dem Büro von Bundestheater-Geschäftsführer Christian Kircher, der federführend an dem Konzept arbeitet.

Bisher ein "blaues Auge"

Das Konzerthaus sei bisher "mit einem blauen Auge" davongekommen, sagt Naske. 212 Veranstaltungen traf der Stillstand, 69 ließen sich verschieben. Zwar muss das Haus einen Einnahmenverlust von 1,3 Millionen Euro hinnehmen; dieser wird aber durch Kurzarbeit und starke Umsätze vor der Krise gemildert. Und der Abo-Verkauf für die Zukunft? Ist um 15 Prozent geschrumpft. Doch was im Normalfall eine Katastrophe wäre, ist "unter diesen Umständen großartig". Entscheidend sei freilich, dass die Pandemie kein zweites Mal zuschlägt. Sonst bräuchte das Konzerthaus, das nur zu zwölf Prozent öffentlich finanziert wird, eine massive Geldspritze.