Das Wortspiel zum Tag lieferte Daniel Froschauer, und es hatte ausnahmsweise nichts mit Babyelefanten zu tun. Der Vorstand der Wiener Philharmoniker betrat die Bühne am Freitag mit einem Handmikrofon und tat dem Saal kund, dass die Kollegen hinter ihm allesamt auf Corona getestet worden seien. Also: "Wir haben heute ausschließlich negative Musiker auf der Bühne."

Es hätte dieser Zusicherung wohl nicht bedurft, um das Behagen im Publikum zu garantieren. Nach einer Durststrecke von drei Monaten herrschte allgemeine Glückseligkeit über die Wiederaufnahme des Konzertbetriebs – auch wenn dieser vorerst mit beispiellosen Auflagen einhergeht. Nur 100 Personen im Goldenen Musikvereinssaal gestattet – das unterbietet selbst die Auslastung eines grimmigen Avantgarde-Konzert und sorgt in der hinteren Saalhälfte für gähnende Leere. Außerdem hat diese dünne, nahezu sibirische Besiedelung Folgen für das Klangbild. Fehlen die Menschenmassen als Schalldämpfer, verlängert sich der Hall der Musik beträchtlich. Ein Manko, das man am Freitag natürlich tunlichst überhörte. Wer sucht schon nach einem Haar in der ersten warmen Suppe seit Monaten? Noch dazu, wenn ein Star-Dirigent dem Publikum musikalische Leibgerichte auftischt?

Daniel Barenboim eröffnete den Abend als Pianist und Taktgeber gleichermaßen, und er gereichte Mozarts B-Dur-Konzert (KV 595) mit jener milden Eleganz, die man von dem 77-Jährigen gewöhnt ist. Gewiss: Ein Dirigent mit freien Händen hätte mancher Passage mehr Klarheit und Brillanz verliehen; dennoch fanden in diesem Neubeginn pianistischer Feinsinn und philharmonische Klangkultur wie alte Freunde zusammen. Beethovens Fünfte Symphonie fiel danach umso wuchtiger mit der Tür ins Haus: Barenboim suchte den Kontrast zwischen rigider Kraftentfaltung und intimer Melancholie und fand ihn vor allem im Beginn und im dritten Satz. Der Donnerschluss riss der Hundertschaft im Saal den Applaus dann nur so aus den Händen: endlich wieder ein leibhaftiges Vollbad in den Schallwellen klassischer Musik – nicht klinisch perfekt gestaltet, doch quicklebendig und dank Barenboim zuletzt sehr klangprall. Besonders beglückt zeigten sich am Ende Dominique Meyer und Thomas Angyan: Die beiden scheidenden Leiter von Staatsoper beziehungsweise Musikverein erhielten die Ehrenmitgliedschaft des Orchesters und bekamen die Urkunden (aufgrund ihrer gleichermaßen hohen Bedeutung für die Philharmoniker) zeitgleich ausgefolgt.

Dem Leere-Gefühl vorbeugen

Auch das Konzerthaus nahm am Freitag seinen Betrieb wieder auf – und brachte dasselbe Programm gleich zweimal zur Aufführung. Noch nie war das Haus so lange stillgestanden wie in den 88 Tagen des Corona-Lockdowns, erklärte Intendant Matthias Naske in einer charmant-eloquenten Eröffnungsrede. Die erlaubten 100 Gäste waren bei den Orchester-Terminen im Mozart-Saal geschickt verteilt: Einige Reihen im vorderen Bereich waren entfernt worden, was dazu beitrug, einem eventuellen Leere-Gefühl vorzubeugen; die spürbare Freundlichkeit des gesamten Personals unterstrich das Besondere an diesem Abend.

Der erste Abend nach der Pandemie-Krise im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses. - © www.lukasbeck.com
Der erste Abend nach der Pandemie-Krise im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses. - © www.lukasbeck.com

Pianist Igor Levit und Sophie Heinrich, Erste Konzertmeisterin der Wiener Symphoniker, begrüßten einander statt des üblichen Handschlags mit einer sachten Unterarm-Ellbogen-Berührung. Das Programm hätte nicht besser gewählt sein können: Mozarts dynamisch gespielte Ouvertüre zu "Der Schauspieldirektor" bildete die ideale Einstimmung auf sein Klavierkonzert Nr. 12 in A-Dur. Brillant, elegant und mit gewohnt großer Gestaltungskraft ging Levit ans Werk – mit eigenen Kadenzen, geschmackvollen Verzierungen und Phrasen, die wie Perlenschnüre glänzten. Die Akustik des Mozart-Saales tat das ihre zu einem wunderbaren Klangerlebnis. Schon nach wenigen Takten stiegen die inneren Energiereserven und meldeten sich jene Sinnesebenen, die nur durch das unmittelbare Erleben von Musik und Musizierenden genährt werden können.

In Edvard Griegs Streichorchestersuite "Aus Holbergs Zeit" zeigten sich die Symphoniker von ihrer Schokoladenseite als animiertes, homogenes Kollektiv. Zarte Kontrabasstupfer hier, wunderschöne Cellosoli da. Und zum Abschied ein "Gute Nacht" von der beherzt agierenden Konzertmeisterin Sophie Heinrich.