An der Hochschule für Musik Freiburg haben Aufnahmeprüfungen der etwas anderen Art stattgefunden. Dabei kam nämlich ein Disklavier zum Einsatz. Gebaut hat es die Firma Yamaha, bedient wird es von Studienbewerber aus Japan und China - die dabei in Asien bleiben konnten. Die Prüfungskommission saß in Freiburg vor einem speziellen Flügel, der das Klavierspiel der Bewerber ferngesteuert aus Shanghai beziehungsweise Tokio wiedergab. Auf diese Weise konnten die Bewerber, deren Anreise derzeit nicht möglich ist, live in Freiburg spielen und hatten somit die gleichen Chancen wie die Bewerber vor Ort in Freiburg.

Das Disklavier zeichnet das Spielen eines Pianisten mit großer Präzision auf und spielt das Stück bei der Wiedergabe der Aufnahmen tatsächlich nach: Die Tasten bewegen sich von alleine, gespeist aus den online übertragenen Daten zu den Tastenbewegungen, und zwar mit einer Verzögerung von nur wenigen Millisekunden von Asien nach Deutschland.

15 Jahre Disklavier

Das Disklavier ist übrigens nicht aus der Corona-Not geboren, sondern wird in Freiburg bereits seit 15 Jahren eingesetzt. Damit ist die dortige Hochschule für Musik eines der weltweit führenden Institutionen beim Einsatz des Disklaviers in Lehre und Forschung. Federführend bei der Weiterentwicklung der Einsatzmöglichkeiten des Instruments ist Professor Christoph Sischka, seines Zeichens Pianist, der als Prorektor für Lehre auch für die Aufnahmeprüfungen verantwortlich ist: "In Zeiten von Corona war es eine Herausforderung, allen Bewerberinnen und Bewerbern die gleichen Chancen bei der Eignungsprüfung zu bieten"; so Sischka. "Als international renommierte Hochschule haben wir viele Bewerber von außerhalb der EU. Nicht alle können oder wollen nach Freiburg kommen. Wir haben die Wahlmöglichkeit geschaffen: Prüfung vor Ort, Prüfung per Videobewerbung und Videokonferenz sowie – für Pianisten – Prüfung per Disklavier."

Ob die Aufnahmeprüfung per Disklavier auch nach der Corona-Krise eine Option an der Hochschule für Musik Freiburg bleibt, ist noch offen.
Es war weltweit das erste Mal, dass eine Aufnahmeprüfung unter Einsatz des Disklavier stattfand. Yamaha unterstützte diese Premiere tatkräftig. Die Firma stellte den Flügel für Freiburg zur Verfügung und öffnete für die Aufnahmeprüfung ihre Zentren in Tokio und Shanghai. Dort spielten die Studienbewerber unter den gleichen Bedingungen an Flügeln, wie sie das bei einer Prüfung in Freiburg getan hätten. Die Übertragung des Klavierspiels wurde von einer parallelen Videoübertragung begleitet. Vorangegangen waren etliche Telefonkonferenzen und Testübertragungen, die wegen der Zeitverschiebung in den frühen Morgenstunden stattfanden. "Als Musiker hat man eigentlich einen ganz anderen Tagesrhythmus. Aber der Erfolg der Prüfungen war jede Mühe wert", ist Sischka überzeugt.

Die Hochschule für Musik Freiburg führt mit ihrem Einsatz von Reproduktionsklavieren eine Freiburger Tradition fort. In Freiburg war die Firma Welte-Mignon ansässig, die ab 1904 mechanische Klaviere herstellte. Mit ihnen war die Aufzeichnung künstlerischen Klavierspiels möglich. Die gelochten Rollen, auf denen das Klavierspiel vergangener Zeiten festgehalten ist, lagern im Freiburger Augustinermuseum. Sischka hat mit ihnen aber noch einiges vor: "Diese Aufzeichnungen werden gerade auf das moderne Disklavier übertragen. Ich kann mir keine authentischere Möglichkeit vorstellen, Klavierschulen alter Zeiten mit unserer heutigen Spielpraxis zu vergleichen."