Was sollen in Zeiten wie diesen schon Konzertkritiken? Sind Detailfragen wichtig, etwa, ob Dirigent Riccardo Muti den Wiener Philharmonikern eine ungewohnt hochromantische "Tragische" Franz Schuberts abverlangt, die eher zu Mahler hinführt, als dass sie von Mozart und Beethoven herkommt? Oder geht es um die, ja: beglückende Manifestation von Kultur überhaupt?

Muti hat das in einem bewegenden Nachwort zum Konzert selbst formuliert: Das Konzert als Abbild der Demokratie - es sind unterschiedliche Stimmen beteiligt, doch sie ergeben die Symphonie. Die Kultur ist es, die den Menschen zum Menschen macht. Ohne Kultur ist der Mensch ein Monster. Dafür gab‘s Ovationen von den 100 Zuhörern, die aufgrund der Corona-Regeln zugelassen waren.

Sprach bewegende Worte zum Abschluss: Riccardo Muti. - © apa/Hans Punz
Sprach bewegende Worte zum Abschluss: Riccardo Muti. - © apa/Hans Punz

Im Zuschauerraum sitzen die Babyelefanten. Auf dem Podium drängen sich die Musiker, als wär‘s eine Wiener Anti-Rassismus-Demo. Alle getestet, alle Corona-Negativ. Das ermöglicht Schubert in wagner‘scher Streicherbesetzung. So mag es Muti, so mögen‘s die Philharmoniker. Historische Richtigkeit ist uninteressant, wenn die Interpretation ihre eigene Wahrheit aufbaut, getragen von Mutis Energie, mit der er das Orchester auch dann führt, wenn er ihm nur zuzuhören scheint: eine nahezu karajanische Symbiose.

Dann die Margherita-Polka von Josef Strauß: Ein Stück Windbäckerei, geschrieben zur Vermählungsfeier des Prinzen Umberto von Italien mit Prinzessin Margherita von Genua. Ob das ernst gemeint war oder als verschmitzter Kommentar? Schließlich Johann Strauß‘ "Frühlingsstimmen-Walzer": vibrierender Puls, ekstatischer Tanz, der Hauch Nostalgie weggefegt von der Lust zu leben. Ein Manifest des Trotzes: Frühling für die Kultur. Man muss dabei sein!