Beethoven-Jahr sei Dank: Zum 250. Geburtstag malen nicht nur fabrikneue Bücher und CDs ein Bild vom Komponistenfürsten, man kann sich sogar selbst eines pinseln: "Beethoven - Malen nach Zahlen", im gut sortierten Fachhandel erhältlich, versetzt selbst Otto Normalverbraucher in die Lage, das Struwwelhaar-Porträt von Joseph Karl Stieler zu kopieren.

Für Kenner freilich ein Unding: Kaum einer hätte "Malen nach Zahlen" mehr gehasst als jener Bonner, der erprobte Formen mied und sich seine eigenen Wege durch Partituren bahnte - und das nicht nur in seinen Paradestücken für Orchester. Der Wahlwiener hat auch klingender Kleinware reichlich Originalität beschert. Wer meint, eine Sonate für Geige und Klavier bestünde vor allem aus Saitengesang mit pianistischer Polsterung, irrt bei Beethoven: Er stellt die Instrumente auf Augenhöhe, entwirft Dialoge, Verschmelzungen, Kontraste. Und: Er spielt mit dem Zusammenhalt seiner Musik, strapaziert die Form durch Brüche und Sprünge, bekräftigt sie mit unverhofften Wiederholungen. So klein die Besetzung, so reich die Substanz.

Insofern eine Herausforderung, dass Geiger Julian Rachlin derzeit alle zehn dieser Sonaten im Konzerthaus durchmisst, verteilt auf vier Tage mit wechselnden Pianisten. Der Auftakt im Großen Saal geriet jedenfalls vielversprechend. Zwar bedarf die Akustik, halliger wegen der Corona-Beschränkung auf 100 Gäste, der Gewöhnung; auch die Musiker schienen sich während der Sonate op. 12/1 noch akklimatisieren zu müssen. Spätestens bei op. 12/2 strömte aber der Klangfluss. Hier Rachlins aufgeweckter, graziler Ton, da die perlende Akkuratesse von Pianistin Magda Amara: elegante Strukturvermittler, die im gebotenen Moment die Emotion nicht scheuten. Wie in der "Frühlingssonate" op. 24, deren Schlusssatz so spritzig frisch daherkam wie ein Soda-Zitron an einem Hundstag. Jubel nach drei pausenlosen Sonaten.