Die Nacht und der Schlaf, so etwas wie siamesische Zwillinge unter dem Sternenzelt? Muss nicht so sein. In der Oper "Gli Ossequi della notte" von Johann Joseph Fux geraten die beiden allegorischen Figuren ordentlich aneinander. Mit der 1709 in Wien uraufgeführten Oper, als konzertanter Arien-Querschnitt umgesetzt, hat am Mittwoch in Graz die Styriarte begonnen.

Warum Nacht und Schlaf in ein Streitgespräch eintreten, anstatt sich dem süßen Schlummer hinzugeben? Der Schlaf will seine Ruhe haben und votiert in mehreren Rezitativen und Arien in eigener Sache. Jeder moderne Schlaf-Forscher, der um die Notwendigkeit von Regenerationsphasen weiß, würde zwar mit weniger barocken Bildern, aber durchaus ähnlich sachverständig argumentieren. Die Nacht freilich - ein Sopran, aus dem die Koloraturen nur so heraussprudeln - kann mit dem Ruhebedürfnis des Tenors so gar nichts anfangen. Sie will in diesen Stunden sich selbst zum Tag machen. Es soll hoch hergehen, denn es gilt, den Geburtstag der Kaiserin (der Gattin von Joseph I., Amalie) zu feiern.

250 Besucher zugelassen

Eine tolle Musik, für die Johann Joseph Fux aus dem Vollen schöpfte aus der Musik-Rhetorik seiner Ära. Als Wiener Hofkapellmeister mit einem selbst komponierenden Kaiser als Dienstherrn konnte er auf das hohe Musikverständnis des Auftraggebers zählen. Was damals am Kaiserhof nicht fehlen durfte: ein Stimmungsstück mit dem Chalumeau, der barocken Miniatur-Vorform der Klarinette. Für dieses Instrument ist Ernst Schlader derzeit der Spezialist schlechthin. Wie sich das Chalumeau tonlich mit Gamben und Geigen zu einer Schlummermusik fügt, sucht seinesgleichen. Diese Episode allein wäre schon den Besuch des Konzerts in der Helmut-List-Halle wert gewesen. Maria Ladurner (Sopran) und Valerio Contaldo (Tenor) waren die beiden wendigen Protagonisten.

Das Styriarte-Festspiel-Orchester ist ein respektabel-stilkundiges und recht gut aufeinander eingespieltes Team auf Originalinstrumenten. Der Oboist Alfredo Bernardini hat es aus der zweiten Reihe heraus höchst musikantisch angeleitet und zur Fabulierlust verführt. Eingebunden wurden zwei Instrumentalkonzerte von Fux und Vivaldi. In dessen "La notte" bekam es der Traversflötist Marcello Gatti in Ivan Calestani mit einem hinterlistigen Fagott-Kobold zu tun.

Die Styriarte-Macher haben nichts anbrennen lassen: Am ersten Tag, da wieder 250 Menschen zugelassen waren, haben sie ihr Festival gestartet. Alle Reihen mit gerader Nummer rausgeräumt, zwischen die Einzel- oder Doppelsitze bei einem Liegestuhl-Hersteller in Auftrag gegebene Abstandshalter: Da entstand kein horror vacui, auch wenn die List-Halle 1200 Menschen, also fast das Fünffache, an Belegung vertrüge. Perfekt organisiert und zum Wohlfühlen - und hätte nicht zu Konzertende ein Unwetter gerade über diesem Stadtteil alle Abstands-Babyelefanten vertrieben, wäre man sich wirklich nicht zu nahe gekommen.

Voran ein Festakt mit mehreren Reden (unter anderem Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Vizekanzler Werner Kogler in seiner Funktion als Kulturminister): Alle sind schwer dafür, dass es wieder Kulturveranstaltungen gibt, wer hätte das gedacht? Van der Bellen hat anklingen lassen, dass ihm die Argumentation mit der Wirtschafts-Notwendigkeit der Kultur nicht recht behagt, wofür es besonders herzlichen Beifall gab.

Die Politiker-Reden waren in ein als "Oper" bezeichnetes ultra-schnell gedichtetes und komponiertes Stück von Flora Geißelbrecht (geboren 1994) eingebunden. Eigentlich sind es kleine A-cappella-Madrigale. Musen treten auf. Die sechs Damen schauen sich dort um, "wo der Fux herkommt" (er war ja gebürtiger Steirer) und leiten listig über zu den Festreden. Der Librettist und Styriarte-Dramaturg Thomas Höft versteht sich auf leise Ironie. Gewitzte Redner hätten da gut einhaken können, da war aber auch Van der Bellen der einzige, der’s mit Mutterwitz anging.