Erfolg kommt in der Kunst nicht nur vom Können. Dem Maler, dem Autor, auch dem Geiger hilft beim Aufstieg ein Faktor namens Unverwechselbarkeit. Im Falle des Alban Berg Ensembles gewährleistet dies die eigenwillige Besetzung: Das Wiener Ensemble, 2016 mit dem Sanctus und der Unterstützung der Alban Berg Stiftung aus der Taufe gehoben und im Musikverein mit einem eigenen Zyklus ausgestattet, besteht aus sieben Musikern - den Streichern des Hugo Wolf Quartett, erweitert um Klavier, Klarinette und Flöte.

Diese Kombination ist aber nicht nur ein Blickfang, sondern in der Praxis auch ein Hemmschuh. Welche Meisterwerke hat die Klassik für sie hervorgebracht? Mag sein, dass sich in den Archiven eine Handvoll findet. Dann muss aber schon der Arrangeur nachhelfen und Partituren passend machen, die es im Original nicht sind: eine Arbeit, die oft zwiespältige Resultate zeitigt.

Alban Berg Ensemble Wien ABEW (DG)
Alban Berg Ensemble Wien ABEW (DG)

So auch auf dem Debütalbum der "Bergs". Das leuchtende Beispiel: Arnold Schönbergs Kammersymphonie. Niemand Geringerer als Anton Webern hat das Stück in den 20er Jahren für ein Septett eingedampft und Schönberg damit gute Dienste erwiesen, denn die Kleinfassung beschert einigen vertrackten Stellen mehr Klarheit. Erfreulich: Das Berg Ensemble versteht es, die herbe Schönheit dieses (noch halbtonalen) Meilensteins wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Hier teilt sich eine Liebe zur Nuance mit, aber auch eine Leidenschaftlichkeit, die den Klangsog über 20 Minuten aufrecht erhält.

Vadym Kholodenko Prokofiev (harmonia mundi)
Vadym Kholodenko Prokofiev (harmonia mundi)

Anders ist es leider um das Adagio aus Mahlers Zehnter Symphonie bestellt: Es bleibt ein Rätsel, warum sieben Musiker ausgerechnet ein Schwergewicht der Orchester-Romantik schultern wollen - noch dazu eines, das die Klangfülle für sein Pathos so nötig hat, wie ein Puccini-Drama die große Bühne braucht. Zwar beweist der Tonsetzer Martyn Harry mit seiner Kammerfassung handwerkliches Geschick; gleichwohl liegt der Vergleich nahe, hier wolle ein Knäckebrot den Nährwert eines ganzes Steaks ersetzen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Ähnliches gilt leider auch für die letzten 20 Aufnahme-Minuten, in denen die "Rosenkavalier"-Suite verschlankt wird. Zwar sorgen die Inbrunst der "Bergs" (hier verstärkt um zwei Kollegen) und die Göttermelodien von Richard Strauss allmählich für eine gewisse Gewöhnung ans gläserne Klangbild. Dennoch: Es stünde diesem virtuosen Ensemble besser zu Gesicht, seine Güte nicht im Kampf mit widrigen, sondern im Verbund mit vorteilhaften Bedingungen zu beweisen.

Vadym Kholodenko bewegt sich dagegen auf sicherem Boden: Nachdem er die Klavierkonzerte Sergei Prokofjews eingespielt hat, nahm er sich zuletzt Solo-Stücke des Russen zur Brust. Musik, die nicht widerstandsfrei ins Ohr geht, aber eine Beschäftigung lohnt: Ist die Sechste Klaviersonate erst einmal mit einem krachenden Akkordwechsel ins Haus gefallen, erweist sich ihr Zickzack zwischen Romantik und Moderne als Quell raffinierter Lyrik und spitzbübischer Pointen - und fackelt dabei reichlich rhythmisches Pulver ab. Kholodenko meistert dies ebenso souverän wie Prokofjews 20 "Visions fugitives" - Miniaturen zwischen Chopin, Debussy und Skrjabin, Bizarrem und Bezauberndem.