Um sich einen Namen zu machen, muss man nicht unbedingt nach der großen Bühne streben. Auch die Arbeit in einer Nische kann ein Künstlerprofil schärfen. Siehe Pina Napolitano: Die italienische Pianistin stellt ihre Brillanz und Inbrunst bevorzugt in den Dienst Arnold Schönbergs und wird in Zwölftonzirkeln entsprechend geschätzt. Wobei die Frau aus Kampanien nicht nur am Klavier aktiv ist: Als Slawistin und Philologin verfasst sie zudem Fachartikel und Übersetzungen.

Die Freude am Ungewöhnlichen ist auch ihrem neuen Album eingeschrieben: Napolitano verknüpft Beethoven-Sonaten mit Tönen des Zeitgenossen Elliott Carter. Womit sie sich zwischen die Stühle setzt? Oberflächlich betrachtet, ja. Wer als Musikfreund hier A sagt, muss noch lange nicht B sagen. Carter (1908-2012) zählte zu den Hardcore-Modernisten der USA; es war kein Zufall, dass ihn die Avantgarde Europas schätzte. Zwar arbeitete er nicht mit der gleichen Werkzeugkiste wie die Feuerköpfe um Pierre Boulez. Aber auch seine Arbeitsweise fußte auf einer Neuordnung des musikalischen Vokabulars, und das führte zu ähnlichen Hörlabyrinthen. Etwa in seinen "Night Fantasies" für Klavier (1980). Keine Beruhigungsmusik, eher das Gegenteil: Irrlichternde Wimmelnoten gipfeln in herben Akkorden. Diese Schroffheit kann durchaus packen, wie im zweiten Teil der "Two Thoughts About the Piano". Eine Dauersalve an Dissonanzen reißt den Hörer wie eine Stromschnelle mit; Napolitano lässt diesen Notenstrom so präzise wie naturgewaltig rauschen.

Pina Napolitano Tempo e Tempi
Pina Napolitano Tempo e Tempi

Und Beethoven? Seine letzten beiden Sonaten schmiegen sich aufreizend eng an Carters Klänge: kaum eine Sekunde Abstand zwischen den beiden Tonsetzern. Für das Ohr ein Bruch, für historisch Interessierte aber eine Gelegenheit zum Vergleich. Man versuche, sich in das Jahr 1822 zurückzuspüren: Mit ihrem Zickzack zwischen den Formen, Tonarten und Tempi waren die Sonaten 31 und 32 Tummelplätze der Innovation. Auch hier glänzt Napolitano als Fürsprecherin des Komponisten: Sie sucht ihr Heil in einer gleichermaßen homogenen wie detailfreudigen Darstellung dieser letzten Aufbrüche Beethovens in pianistisches Neuland.

Jamina Gerl Bach Schumann Liszt
Jamina Gerl Bach Schumann Liszt

Bezwingende Sanftheit

Kollegin Jamina Gerl schöpft aus dem Vollen. 80 Minuten hat sie auf ihre aktuelle CD gepackt. Ja, passen denn nicht höchstens 74 auf eine Silberscheibe? (Nein, weiß das Internet, die Datencodierung entscheidet.) Wäre auch schade gewesen um das Schlussstück der Frau aus Bonn. Gerl arbeitet sich mit einem solchen Feuer durch Liszts "Dante-Sonate", dass man gebannt an der Sesselkante sitzt und fast herunterplumpst. Das liegt auch am Tastendonner dieses Wuchtwerks, mehr aber noch an den elfenbeinernen Momenten der Entrückung: Es ist diese schwebende Sanftheit, die hier am stärksten bezwingt. Auch anderweitig beweist die Deutsche ihre subtile Wendigkeit und ein Händchen für Klangfarben: Bachs Orgelpräludium plus Fuge (BWV 543, arrangiert von Liszt) fließt formschön und kristallklar dahin; die fis-Moll-Sonate Schumanns vermittelt ihre vielen Stimmungsumschwünge gewitzt, ohne dabei zu einer pianistischen Leistungsschau zu geraten: lebenspralle Musik, fein gezeichnet.