Der US-amerikanische Pianist Leon Fleisher ist am 2. August in Baltimore (Maryland) im Alter von 92 Jahren gestorben. Fleisher galt als genialer Interpret speziell des klassischen und romantischen Repertoires, ehe er die Funktion der rechten Hand verlor. Er setzte seine Karriere als linkshändiger Pianist fort. Schließlich gewann er die Funktion der rechten Hand zurück und startete erneut eine beidhändige Karriere. Der Fall des Pianisten Leon Fleisher ist einzigartig. Drei Karrieren - drei Mal Interpretationen, die als kongenial anzusprechen sind.

Fleisher, am 23. Juli 1928 in San Francisco als Kind nahezu mittelloser jüdischer Immigranten aus Osteuropa geboren, begann im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel, mit acht Jahren debütierte er öffentlich. Das entsprach dem Ziel seiner Mutter, deren Traum es war, ihr Sohn solle ein bedeutender Pianist werden.

Schüler von Artur Schnabel

Mit 16 Jahren trat er als Solist in einem Konzert der New Yorker Philharmoniker unter Pierre Monteux auf. Monteux nannte ihn die "Pianisten-Entdeckung des Jahrhunderts".

Fleisher war einer der wenigen Pianisten, die von Artur Schnabel als Schüler akzeptiert wurden. Schnabel, obwohl als Komponist im Umfeld von Arnold Schönbergs Expressionismus, empfand sich als Interpret einer durch Beethovens Schüler und Enkel-Schüler weitergegebenen Pianistentradition, die er selbst nur wenigen ausgewählten Künstlern vermittelte.

Zum Kernrepertoire Fleishers gehörten die Klavierkonzerte von Mozart, Beethoven, Schumann und Grieg, dazu kamen die Symphonischen Variationen von César Franck und die "Rhapsodie über ein Thema von Paganini" von Sergej Rachmaninow. Seine Einspielungen der beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms unter dem Dirigenten George Szell gelten auch heute noch als Maßstab.

Karriere mit einer Hand

1964 verlor Fleisher die Funktion seiner rechten Hand aufgrund einer Fokalen Dystonie, einem Nervenleiden, das unkontrollierbare Muskelkontraktionen verursacht. Fleisher wollte dessen ungeachtet seine Karriere fortsetzen. Er konzentrierte sich nun auf das Repertoire, das für den Pianisten Paul Wittgenstein komponiert worden war, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte. Fleisher regte auch neue Werke an. So komponierte beispielsweise William Bolcom für Fleisher und seinen ebenfalls links-einhändigen Pianistenkollegen Gary Graffman ein Konzert für zwei Klaviere für die linke Hand. 

In den 1990er Jahren gewann Fleisher dank einer experimentellen Botox-Behandlung die Funktion seiner rechten Hand zurück und startete seine dritte Karriere - jetzt wieder als beidhändiger Pianist. Fleisher selbst betonte wiederholt, dass die Behandlung die Funktion nicht in vollem Ausmaß zurückbrachte. Dennoch konnte Fleisher nun wieder beidhändige Klaviermusik spielen, in der die rechte Hand weniger beansprucht wird.

So erklärt es sich auch, dass Fleishers Interesse am nachdrücklich virtuosen einhändigen Repertoire unvermindert anhielt. Er gewann seinem Schicksal insoferne eine besondere Facette ab, als er sich gerade um die Werke annahm, die Wittgenstein in Auftrag gegeben, selbst aber nicht aufgeführt hatte, etwa die "Diversions" von Benjamin Britten und das Vierte Klavierkonzert Sergej Prokofjews.  

Kampf um Hindemith

Speziell bemühte sich Fleisher um Paul Hindemiths Klaviermusik op.29 aus dem Jahr 1923, die Wittgenstein in Auftrag gegeben, aber nie aufgeführt hatte. Ein Problem war, dass Wittgenstein von allen Werken, die er in Auftrag gegeben hatte, unabhängig davon, ob er sie aufführte oder nicht, das alleinige Aufführungsrecht beanspruchte. Das andere Problem war, dass das Werk lange Zeit als verloren galt. Gerüchteweise hieß es sogar, Hindemith habe die Partitur, verärgert über Wittgensteins unablässige Mäkeleien, in die Salzach geworfen. Erst 2002 tauchte im Nachlass von Wittgensteins Witwe eine stark fehlerhafte Abschrift von unbekannter Hand auf, die mit Hilfe von Hindemiths Werkentwurf korrigiert werden konnten. Nach der Wiederherstellung der Partitur und der Überwindung der rechtlichen Schranken, brachte Fleisher am 9. Dezember 2004 Hindemiths Klaviermusik in Berlin mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle zur Uraufführung. Das Werk erwies sich als ein Hauptwerk aus Hindemiths 20er-Jahre-Periode.

Auch mit zunehmendem Alter setzte Fleisher seine Karriere als Solist und Kammermusiker fort und begann auch zu dirigieren. Obendrein führte er seine längst zur Legende gewordene Lehrtätigkeit weiter. Zu seinen Schülern gehören etwa Hélène Grimaud, Margarita Höhenrieder, Jonathan Biss, Yefim Bronfman, Louis Lortie und Einav Yarden.

Seine Memoiren schrieb Fleisher in Zusammenarbeit mit der Washington-Post-Kritikerin Anne Midgette und veröffentlichte sie im Jahr 2010.

Klarheit und Intensität

Fleishers Stil ist eine einzigartige Verschmelzung von kristallener klassischer Klarheit und romantischer Kantabilität. Und immer wieder spürt er scheinbar verborgenen Nervensträngen der Werke nach: der Nervosität von Brahms' Klavierkonzerten, der ungeheuren Spannung von Schuberts B-Dur-Sonate (D 960). Kaum ein anderer Pianist vermochte es gleich Fleischer, gespannte Stille zu erzeugen und der Musik eine emotionale Direktheit zu verleihen, die den Zuhörer unmittelbar trifft. Was immer Fleisher unternahm: Es war außerordentlich. Als Musiker wie als Lehrer war er ein Wegweiser.