Es sind nicht wenige Fehler für eine Klassik-Ikone, und jeder davon tritt markant hervor. Grigory Sokolov widmet die erste Hälfte seines Salzburg-Termins allein Klavierwerken von Wolfgang Amadeus Mozart - Kristallmusik ohne jede Gelegenheit, sich in einem Tastendonner zu verstecken.

Doch einerlei: Sokolov spielt weiterhin in einer Klasse für sich. Die Delikatesse des Anschlags, die Raumwirkung des Klangbilds, der satte Zugriff der gleichwohl poetischen Hand: All das setzt den 70-Jährigen von den Shooting Stars der jungen Generation ab. Außergewöhnlich auch sein Mozart-Zugriff. Die A-Dur-Sonate mit dem "Rondo alla Turca"? Grundgütiger! Ist in den Musikschulen und als Handy-Klingelton zu Tode gespielt worden. Sokolov greift den Ohrwurm aber mit Glacéhandschuhen an, entlockt ihm einen fast schüchternen Wehmutsgesang. Nur die Arpeggios im Mittelteil, Drehleier-robust in den Bass gesetzt, stellen die gewohnte Leutseligkeit her. Mozart, der Entrückte, ist hier das Thema, vorgestellt schon im Kopfsatz der Sonate. Akkorde formen sich zu Schwebebögen und diese zur poetischen Klangrede, beseelt durch Nuancen in der Lautstärke und im Timing. Und natürlich ist da eine Klangsinnlichkeit, die Sokolov auch den Raritäten rundum angedeihen lässt: Dem Präludium mit Fuge in C-Dur einerseits, mit reschem Anschlag und doch transparentem Stimmgefüge; dem a-Moll-Rondo andererseits, elegisch und gespickt mit Kühnheiten nach Geschmack des 19. Jahrhunderts.

Dorthin begibt sich Sokolov im zweiten Teil des Corona-bedingt pausenlosen Abends mit Schumanns "Bunten Blättern": Des Klangrauschs fast zu viel, würde die Nuancen-Palette des Russen nicht immer wieder schillern, etwa beim treibenden Puls von "Novellette" oder bei einem langen Marsch, aufgespannt zwischen den Extremen Einsamkeit und dröhnender Elementargewalt. Zuletzt sechs Zugaben, begonnen mit der fast unerträglichen Schönheit von Brahms’ Zweitem Intermezzo op. 118/2 und beendet mit, selbstverständlich, Standing Ovations.