Welch ein Triumph des Lebens könnte das werden, dieses Finale von Mahlers Sechster Symphonie! Nach jedem zermalmenden Schlag rafft sich der Held wieder auf, beginnt seinen Sturmlauf zum Glück - und wird abermals niedergedroschen vom Holzhammer des Schicksals. Übertreibt Mahler dessen Symbolkraft? Die junge Frau am Nebenplatz im Großen Festspielhaus der Salzburger Festspiele schluckt merklich, als das Trumm niedersaust. Mahler bannt den Zuhörer. Der symphonische Entwurf des Lebens als Tragödie ist so genial wie spannend: Auseinandersetzung mit den letzten Dingen. Die Kuhglocken: Frieden auf der Alm oder herbeigeträumte Himmelsvision? Das Leben wird in Marschrhythmen durchgehetzt. Letzten Endes zerbricht alles. "Auferstehen, ja, auferstehen", jubelt Mahler in seiner Zweiten. Die Sechste - ein Gegenentwurf ohne Himmel, ohne Trost. Nichts bleibt. Darauf muss sich ein Dirigent, der auch Interpret ist und nicht nur Koordinator des 100-plus-Orchesters, einzulassen wagen. Leonard Bernstein konnte das, auch Michael Gielen.

Und der oft so kapellmeisterlich grundsolide Andris Nelsons? - Bei den Salzburger Festspielen führt er die Wiener Philharmoniker mit Imperatorengeste und modellierenden Händen zu einer Interpretation, die den Atem nimmt. Stechend scharfe Märsche, aufwühlende Bläserchoräle. Bohrende Intensität statt der Mahlers Musik angedichteten Hysterie. Soll man den allzu ruhigen langsamen Satz bekritteln? - Aber welche Spannung hatten diese Streicherlinien, welche beredte Gestik die Holzbläser. (Diese Oboen! - So spielen das nur die Wiener Philharmoniker!) Das Orchester wächst über sich hinaus: Zeichensetzung im Jahr der Krise. Das Konzert trifft ins Mark. In die Ovationen mischen sich Erschütterung und Dankbarkeit für ein Erlebnis der Sonderklasse.