Nicht dass man es gedacht hätte. Aber es ist schon eine Erwähnung wert, wie Franz Welser-Möst seine Gedanken über den Musikmarkt einleitet. "Von mir gibt es keine Bilder aus dem Fitnessstudio bei Instagram, keine Facebook-Posts aus meinem privaten Umfeld und keine Tweets in Badehose." Franz Welser-Möst verweigert die Klaviatur der zeitgenössischen Selbstdarstellung; der Lärm einer verzappelten Hektomatikwelt ist ihm zuwider. In ihren Grundzügen erinnert die Geisteshaltung des Dirigenten an das Ethos eines ehrwürdigen Karate-Meisters. Welser-Möst predigt Sammlung statt Zerstreuung, langen Atem statt sprunghaftes Gehechel, Substanz statt Sensation. Ein Credo, das den Mann aus Linz an die Weltspitze der Dirigentenzunft geführt hat. Seit 18 Jahren leitet Welser-Möst das Cleveland Orchestra in Ohio, fast allsommerlich eine Opernpremiere bei den Salzburger Festspielen.

Nur: Gibt so ein Perfektionistenleben auch Stoff für eine spannende Biografie ab? Zum 60. Geburtstag (er ist am Sonntag, 16. August, zu feiern) darf dies bejaht werden. Die 190 Seiten fliegen rasch dahin - auch deshalb, weil Ko-Autor Axel Brüggemann den Ausführungen des Dirigenten eine kluge Dramaturgie verpasst. Die Sehnsucht nach Stille spannt sich als roter Faden durchs Buch, und sie blitzt nicht nur dort auf, wo Welser-Möst von Natur, Literatur und Yoga schwärmt. Oft kehrt auch jenes Trauma wieder, in dem sich die Ruhe für ihn zur gefühlten Ewigkeit ausdehnte. 1978 saß er, 18-jährig, auf einem Rücksitz, der Wagen verlor auf einer Brücke den Halt - dann überschlug er sich mehrfach. Welser-Möst landete auf der Intensivstation, sein Oberkörper für Wochen im Gips. Drei Wirbel waren verletzt, zwei Finger irreversibel geschädigt, der Traum vom Meistergeiger war zerschmettert.

Der folgende Karriereweg wird nicht kalendarisch nachgezeichnet, sondern in Themen gebündelt, was Abwechslung beschert: Kindheitserinnerungen (etwa an den leutselig-langhaarigen Mentor Balduin Sulzer) prallen auf Gedanken zum heutigen Schul-Stiefkind Musikerziehung; Rückblicke auf einen erst väterlich geliebten, später gescholtenen Manager stoßen auf Warnungen vor der Korrosion des Klassikbetriebs und einer "Eventisierung". Wobei: Mitunter fehlt Welser-Möst, dem Polemiker, seine Differenzierungskraft als Dirigent. Ist die Popmusik durch und durch so grell-seicht wie behauptet?

Dafür hätte das erste "Werkstatt"-Kapitel - über die Arbeit an Beethovens Neunter - mehr praktischen Gehalt vertragen: Statt Einblicke in die Wahl der Tempi zu eröffnen oder in das Austarieren von Balancen, liefert Welser-Möst eine eher philosophische Exegese. Der zweite Werkstattbesuch gerät da deutlich handfester. "Ich schaue auf Sie, und Sie hören auf mich", hatte ihm Lucia Popp einst bei ihrem letzten "Rosenkavalier" beschieden und ihn dann als schlackenlose Marschallin einiges über dieses "Abschiedswerk" gelehrt.

Überhaupt fehlt es nicht an der nötigen Prise Anekdoten, der süßen und bitteren: Das Scheitern als Londoner Chefdirigent in den 90er Jahren (Spitzname: Frankly Worse Than Most) kommt ebenso zur Sprache wie der Eklat mit Staatsopernchef Dominique Meyer 2014. Und auch die scherbenarmen Jahre erhalten Raum, etwa als Zürcher Musikdirektor unter Intendant Alexander Pereira. Dem notorisch Unbescheidenen streute Welser-Möst zum Abschied Rosen mit Dornen und nannte ihn eine "Mischung aus Sonnenkönig, Münchhausen, Teppichhändler und Mutter Teresa". Kurz: Ein Buch, das pointiert nachzeichnet, aber ebenso zum Weiterdenken anregt. Auch mit Sätzen über die Stille: "Wir beginnen erst neu zu hören, wenn wir das, was wir erwarten, nicht zu hören bekommen."