Getröpfel. Niesel. Regen. Wolkenbruch. Punktgenau am Beginn des Eröffnungsstücks, Beethovens "Prometheus"-Ouvertüre, hatte das feuchte Crescendo begonnen - und bis zum Schlussakkord eine unzumutbare Stärke erreicht. Das befürchtete Gewitter, es hatte die Eröffnung des Grafenegg Festivals am Freitagabend doch noch ereilt – und ging zwar nicht auf das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich nieder, das auf dem überdachten Podium des "Wolkenturms" werkte, wohl aber auf die Freiluft-Gäste in den vorsorglich bereitgelegten Regenpelerinen. Statt des erwarteten Abbruch dann aber vorerst eine Überraschung. "Wir müssen das Konzert aufgrund der Wettersituation unterbrechen", hieß es durch die Lautsprecher an die durchnässten Gäste, "Bitte bleiben Sie auf Ihren Sitzen." Schallendes Gelächter von den Rängen.

Eine bange Minute später folgte dann doch der Abbruch – gestaltete sich aber wohl nicht ganz so koordiniert, wie es das Corona-Konzept vorgesehen hätte. Prominente, Politiker und Musikfreunde, alle gleichermaßen durchnässt und zerzaust, flohen in hellen Scharen durch den seitlich herabpeitschenden Regen in Richtung Parkplatz. Die wohl kürzeste und kurioseste Grafenegg-Eröffnung aller Zeiten.

Weggespülter "Fels in der Brandung"

Fortuna ist Grafenegg heuer wahrlich nicht hold. Im Frühling drohte die Corona-Pandemie, das Klassik-Festival zur Absage zu zwingen. Ähnlich wie die Salzburger Festspiele, erreichten die Veranstalter dann allerdings mit einem strengen Hygiene-Konzept die Bewilligung. Der Haken an den heurigen Spielregeln ist allerdings: Im Fall von Regen steht kein Ausweichquartier zur Verfügung. Denn das sonst genutzte "Auditorium" verfügt offenbar nicht über genug Raum, um alle Freiluft-Gäste mit dem nötigen Babyelefanten-Abstand zu beherbergen.

Genau darum nahm die Eröffnung ein so jähes Ende – wiewohl noch ein Auftragswerk von Konstantia Gourzi sowie Beethovens Tripelkonzert der Aufführung geharrt hätten. Umso bitterer angesichts der Worte, die der Intendant und Pianist Rudolf Buchbinder für seine Rede zu Beginn gewählt hatte: Er, der weltweit aktive, hätte Mitte März alle Auftrittstermine aus seinem Kalender radieren müssen – nur den 14. August in Grafenegg hätte er nicht gestrichen, denn das sei für ihn  "ein Fels in der Brandung" gewesen.

Nun ist zwar dieser "Fels" weggespült worden, damit aber noch lange nicht das gesamte Festivalmassiv, das sich bis in den September erstrecken soll: Am Samstag soll hier vorerst Alice Sara Ott mit dem Tonkünstler-Orchester in Erscheinung treten, am Sonntag der Star-Tenor Jonas Kaufmann mit dem Pianisten Helmut Deutsch – so der Wettergott sein tückisches Timing nicht wiederholt.
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