In diesen besonderen Zeiten ist das West Eastern Divan Orchestra mit Barenboim in vergleichsweise kleiner Besetzung unterwegs. Das bedingt Literatur-Optionen, die sich (auf dem Papier) ungewöhnlich ausnehmen, aber im Konzert sich schön zusammen fügten.

Das Nebeneinander von Wagners "Siegfried-Idyll" und Schönbergs Erster Kammersymphonie? Das eine Werk hat Barenboim am Sonntag Abend im großen Festspielhaus sehr strukturbewusst spielen lassen, eher geradlinig, transparent in der Phrasierung und so gar nicht schmeichelnd-sentimental. Da ist plötzlich der markante Hornruf gar nicht mehr so wesensfremd jenem Hornsignal, das bei Schönberg gleich auf die ersten Streicherakkorde antwortet. Im Gegenzug: In der Ersten Kammersymphonie, diesem Schwellenwerk zur Atonalität hin, das doch noch ganz in der Melodienseligkeit des späten 19. Jahrhunderts verankert ist, richtete Barenboim alle Aufmerksamkeit aufs Cantabile. Die Botschaft dieser von den äußerst konzentrierten fünfzehn Solisten des West Eastern Divan Orchestra mit aller Konzentration mitgetragenen Botschaft: Schönberg gab das "funktionierende" Musik-System nicht leichtfertig auf.

Emmanuel Pahud war Solist in Pierre Boulez’ Mémoriale. Fein, wie die sechs Streicher und zwei Hörner mit teils irisierendem Flimmern auf die bewegten Flötengirlanden reagiert haben. Feinste Kammermusik.

Barenboims Naturell ist nicht das Zuschlagen: So stand am Ende Beethovens Große Fuge B-Dur op. 133 in der Streichorchesterfassung. Oft lyrisch aufgehellt, aber doch nicht verharmlosend. Auch da war klar: Es ist Musik an einer stilistischen Schwelle.