Glückliches Grafenegg: Das Festival im barocken Schlossgarten zählt zu den wenigen Klassik-Reihen, die in diesem Sommer nicht verstummen mussten. Stimmt zwar: Der Kulturleuchtturm des Landes Niederösterreich muss heuer auf mondäne Gast-Orchester verzichten. Doch es fehlt weder an glamourösen Solisten, noch am notorischen Grafenegger Selbst- und Sendungsbewusstsein. Auszug aus der Eröffnungsrede von Intendant und Pianist Rudolf Buchbinder am Freitag: All seine Termine, zwischen New York und Tokio, habe er Mitte März streichen müssen. Nur den 14. August habe er im Kalender belassen, denn: "Das war für mich wie ein Fels in der Brandung."

Nur leider: Auch Felsen treiben mitunter ab, und der Abend sollte es beweisen. Das Coronavirus trifft daran keine Schuld: Strenge Sicherheitsregeln halten das Ansteckungsrisiko im Zaum, Maskenpflicht und Babyelefanten sei Dank. Den Launen des Wettergotts ist das Freiluftfestival aber heuer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert - denn das Corona-Konzept duldet keine Konzert-Verlegung in den überdachten Saal am Gelände. Es kam so schlimm wie nur irgend denkbar: Kaum hatte das Tonkünstler-Orchester Beethovens "Prometheus"-Ouvertüre begonnen, setzte ein Nieselregen ein, der sich zum sintflutartigen Wolkenbruch steigerte - mit gefühltermaßen mehr Wasser als Luft in der Luft. Nach dem Schlussakkord: Abbruch! Politiker, Prominente und Normalpublikum flohen gleichermaßen zerzaust zum Auto.

Verletzliche Seelentöne

Doch Glück im Unglück: Der Wettergott schien sich vorerst mit diesem Wirkungstreffer zu begnügen. Keine Wasserladung, die er tags darauf auf das Konzert mit Pianistin Alice Sara Ott kippte, und am Sonntagabend dann überhaupt Kaiserwetter: Jonas Kaufmann, der Star unter den Seelenbalsam-Tenören, gab mit dem Klavierbegleiter-Doyen Helmut Deutsch die tränenreichen Lieder von der "Schönen Müllerin". Fragt sich natürlich: Wie sinnvoll ist Schuberts Kammermusik auf der Freiluftbühne? Nun: Jonas Kaufmann gelingt es (wohl auch dank der dezenten Verstärkung), den Zauber des Intimen greifen zu lassen. Statt die große Opernpose zu bemühen, spürt er der seelischen Feinmechanik des Protagonisten nach. Natürlich: Da avanciert er auch zum Heißsporn, der einen vermeintlichen Liebestriumph herausposaunt ("Mein!"). Sobald sich die Jung-Müllerin aber lieber dem Jäger zuwendet, gewinnt dieser Schwärmer an dunkelgrauen Facetten und lässt nicht nur Freitodgelüste erkennen, sondern auch einen galligen Sarkasmus nach Art des Otello ("Mit dem grünen Lautenbande"). Vor allem berückt an diesem Abend, beschwingt und unprätentiös von Helmut Deutsch begleitet, wieder einmal Kaufmanns Alleinstellungsmerkmal: Der offen gehauchte, gaumige Spitzenton, honigsüß anschwellend und von einem sanften Vibrato durchbebt. Ein Ton, dessen Schönheit mit seiner Fragilität korrespondiert -und nicht immer ganz sitzen muss, um den Hörer doch zu treffen. Schlussendlich drei Schubert-Zugaben - und gellende Bravo-Rufe der Fans.