Ja, meint Katharina Hirschmann

Es ist eine schillernde Welt, jene der klassischen Musik. Zumindest war sie es bis zum März - und zumindest nach außen hin. Das System schien zu funktionieren, der internationale Künstleraustausch florierte, die Häuser waren gut gefüllt, die Frisuren perfekt toupiert.

Doch das System wackelt. Und zwar gewaltig. Denn nachdem der Kunst- und Kulturbetrieb anfangs von oben als "nicht systemrelevant" abgestempelt wurde, mussten sich Künstler neu erfinden. Konzerte wurden abgesagt, Verträge gekündigt. Zurückgeworfen auf das, was sie sind, wurden viele Musiker gewaltsam mit der Nase auf das gestoßen, was sie schon lange nicht mehr sind: Künstler. Zu sehr waren sie Gefangene des Systems, die von Konzerthaus zu Konzerthaus hechteten, von der Agentur mindestens genauso getrieben wie von der Angst, exorbitanten Gagen nicht gerecht zu werden. Gut bezahlte Gefangene, aber Gefangene. Weit über 50.000 Euro sind es bei Superstars pro Auftritt. So erklärt sich, warum Musiker so oft das gleiche Programm wieder und wieder spielen, ganz einfach, weil ihnen die Zeit und die Muße fehlt, ein neues zu erarbeiten. So erklärt sich auch, warum immer die gleichen Künstler die Bühnen bevölkern. Lieber setzt man auf sichere Pferde, als das Risiko der Geldeinbußen in Kauf zu nehmen. Doch diese oberen paar, sie tragen die Krone der Erschöpfung.

Noch nie wurde so deutlich, wie das System funktioniert: Ganz oben steht eine Handvoll Stars, die in schillernden Roben Zehntausende Euros einheimsen. Das geht nur gut, solange die Künstler aus dem unteren Bereich mitspielen. Gerade genug zum Leben, führten sie bisher ein Dasein, das zwar von der ständigen Angst beherrscht war, nicht genug zu haben, die sie aber gleichzeitig antrieb, kreativ zu sein und sich ihren Lebensunterhalt zu erkämpfen. Sie behaupteten sich in diesem System gerade genug und trugen es dadurch mit. Denn es kann nur erfolgreiche Stars geben, wenn es viel mehr gibt, die es nicht sind.

Wie schamlos dieser Betrieb sein kann, veranschaulichte ein Skandal um Gautier Capuçon, der in Frankreich eine Sommertournee in kleinen Orten ankündigte, die er "gratis" antreten wollte. Dass gratis für ihn bedeutete, 3000 bis 10.000 Euro pro Abend zu erhalten, kam erst nach und nach ans Licht. Die Musikerkollegen tobten, Capuçon musste betreten zugeben, dass er sich auf heikles Terrain begeben hatte. Ein Skandal, doch eigentlich zeigte es nur, dass jene ganz oben den Blick für die Kollegen unten verlieren. Es ist nicht anders als mit den von Pierre Bourdieu beschriebenen Gesellschaftsschichten. Austausch von oben nach unten findet selten statt. Gerechtfertigt wird dies gern mit der Suche nach Qualität, doch das ist falsch. Denn genau davon findet man oft dort mehr, wo der Erfolg die Leidenschaft noch nicht zerschlagen hat. Es ist wie in jeder Kunst, sobald der Markt ins Spiel kommt.

Weniger Stars, mehr Bandbreite

Dabei könnte es anders sein. Warum nicht mehr Künstlern eine Chance geben? Warum müssen immer dieselben die Bühne bevölkern? Warum geht das System davon aus, dass andere die Säle nicht füllen würden, wenn das Publikum ihr Konzept erst einmal kennengelernt hat? Und was das Publikum betrifft: Warum nicht einmal ein "Kenn‘ ich nicht. Muss ich sehen!" statt "Kenn‘ ich nicht. Interessiert mich nicht". Dass ein demokratisches System in Kunstbetrieben sehr wohl möglich ist, zeigt der Literaturbetrieb. Bücher kosten immer gleich viel, ganz egal, wer sie geschrieben hat. Stars gibt es trotzdem, doch ist die Einkommensschere zwischen oben und unten zumindest demokratisch gewachsen.

Was in anderen Kreisen viel normaler ist, warum soll es in der klassischen Musikwelt nicht funktionieren? Was wäre die Konsequenz? Es gäbe weniger große Stars, dafür ein breiteres Spektrum an gleichwertigen Künstlern. Es wäre ein System, in dem nicht mehr wenige Individuen die Gewinner wären, sondern: die Musik.

Nein, sagt Christoph Irrgeher

Wir leben in seltsamen Zeiten, und die Hochkultur ist davon nicht verschont geblieben. Gut - der Lockdown scheint ausgestanden, der Bühnenbetrieb ist im Juni wieder angelaufen. Aber vorerst nur auf kleiner Flamme. Welche Vielfalt bieten Österreichs Festivals in anderen Sommern! Heuer sind sie auf ein Grüppchen rund um die Salzburger Festspiele geschrumpft. Und wehe, die Corona-Zahlen schnellen erneut in die Höhe. Dann ist der Ofen rasch wieder aus, und der Saisonstart im September (mit der Rückkehr der gewohnten Vielfalt, aber auch einigen Babyelefanten) kaum denkbar.

Dieser Sommer zwingt nicht nur das Publikum, sondern auch Stars auf neue Wege. Etwa den Tenorissimo Jonas Kaufmann. So oft wie heuer ward er hierzulande selten gesehen. Im April mischte er bei einem TV-Konzert im ORF neben Anna Netrebko mit, beehrte jüngst das Freiluft-Festival von Grafenegg, wird im Herbst ein Solistenkonzert an der Staatsoper übernehmen. Und daneben trat Kaufmann noch bei dem Wiener Festival-Neuling "Theater im Park" auf, das auch von den Opernkapazundern Camilla Nylund und Andreas Schager gestürmt wurde. Trügt der Schein, oder waren die Klassik-Events der Vormonate vor allem eine Star-Parade? Ein Blick auf das Saisonende der Staatsoper passt ins Bild. Das Haus durfte den Betrieb im Juni unverhofft wiederaufnehmen und improvisierte sich mit großen Namen durchs Monat: Juan Diego Flórez, Michael Schade, Krassimira Stoyanova sorgten nebst Ensembleauftritten dafür, dass die erlaubten 100 Tickets pro Abend flugs weg waren. Wobei diese Programmierung nahe lag. Echte Opernabende waren noch nicht machbar angesichts der Corona-Regeln, Zugpferde wie Flórez, Schade oder auch Anna Netrebko für Konzerte dagegen greifbar -weil sie in Österreich wohnen und Opern-absagen-bedingt auf dem Trockenen saßen.

Nun könnte man anmerken: Schön, dass die "Happy Few" weich gefallen sind. Aber ist die namenlose Kollegenschaft umso härter gestürzt? So dürfte es wohl sein. Doch erstens haben staatliche Rettungspakete das Schlimmste verhindert, zweitens empfiehlt sich insgesamt ein pragmatischer Blick auf das Thema: Besser ein wenig Klassik als gar keine. Und dass die VIPs in dem Fall eher zum Zug kommen als die Kollegen im Schatten, versteht sich. Dabei hat die Krise gezeigt, dass nicht jeder dieser Vielgefragten ein Nimmersatt ohne Bodenhaftung ist. Dirigent Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker bestritten das erste Musikvereinskonzert nach dem Stillstand ohne Gage; Tenor Michael Schade gewährte den Musikern seines Barockfestivals Gehaltsvorschüsse, Pianist Igor Levit stellte durch eine Auktion 25.000 Euro für freischaffende Künstler in Not bereit.

Die Granden tragen die Branche

Gewiss, die Aufmerksamkeit ist in der Klassik-Branche ungerecht verteilt. Und die Krise hat das noch befeuert. Warum ist Igor Levit in der Lage, dem Künstler XY zu helfen? Warum ist nicht XY zur Lichtfigur aufgestiegen? Es gibt tausende unentdeckte Pianisten mit brillanter Technik, hunderte davon sind wohl auch tolle Interpreten. Doch das Publikum will "den Star", neben dem nur wenig andere strahlen dürfen (was keine Eigenheit der Klassik ist, sondern im Pop, in der Politik, in Kochshows ebenso). Dabei müssen die Marktkräfte nicht unbedingt dazu führen, dass so ein Vielgerühmter zum "Gegenteil" des Künstlers mutiert. Ein Star ist kein Banker. Er ist ein Wesen mit wenig Zeit, das im Wissen um hohe Erwartungen arbeitet - und darum oft sehr penibel. Seien wir diesen Menschen dankbar: Sie sind es, auf deren Schultern das System Klassik ruht. Die die Säle sicher füllen. Und die der Branche Relevanz in der Öffentlichkeit sichern.

Und für alle, die es wirklich interessiert, gibt’s jede Menge mehr zu entdecken, nämlich etliche Nicht-Stars - in den Abos der Konzerthäuser, bei den Debüts in den Opern. All das bietet eine reguläre Saison in Wien. Freuen wir uns also auf den Herbst - und hoffen auf eine infektionsarme Zeit.