Im Nachhinein ist es eine Erwähnung wert: Es war keine Selbstverständlichkeit, dass der "Imperial March" bei den beiden Konzerten von John Williams in Wien 2020 erklang. Dafür haben vielmehr die Wiener Philharmoniker gesorgt, erzählte die Filmmusiklegende jüngst in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Blechbläser, am Ende einer Probe spürbar ermüdet, hätten den 88-Jährigen dennoch gefragt, ob sie nicht auch den düsteren Marsch aus "Star Wars" spielen dürften, und der Mann mit dem weißen Bart gab ihnen grünes Licht. Gewiss: Es wird nicht als Sternstunde in die offiziellen Orchester-Chroniken eingehen, diesen Ohrwurm aus dem Hollywood-Kino der 80er Jahre einmal unter der Stabführung seines Verfassers im Wiener Musikverein gespielt zu haben. Nichtsdestoweniger dürfte es dem Kind im Wiener Philharmoniker einen Hochgenuss bereitet haben.

Am 18. und 19. Jänner dieses Jahres schwelgte also nicht nur das Publikum im ausverkauften Saal, sondern wohl auch das Bühnenpersonal in Verehrung. Ein Umstand, der eine Rekordmenge an Standing Ovations nach sich zog, aber leider auch eine negative Folge: Der Spaß an der Freud’ führte hier und da zu Orchester-Lautstärken, die selbst für Hollywood-Verhältnisse etwas überzogen wirkten.

Wiener Philharmoniker John Williams in Vienna (DG) - © Terry Linke
Wiener Philharmoniker John Williams in Vienna (DG) - © Terry Linke

Studiotechnik sei dank: Das Manko ist dem Live-Mitschnitt kaum anzuhören. Einziger Makel ist, dass es dem Orchester in einigen Momenten an rhythmischer Geschlossenheit fehlt. Aber genug der Beckmesserei. Das Album punktet als Gipfeltreffen von europäischer Klangkultur und amerikanischem Effektsinn, die Wiener Philharmoniker bringen den spätromantischen Ansatz von Williams zum Leuchten. Wie sehr der New Yorker vom Stil Gustav Holsts und Erich Wolfgang Korngolds profitiert hat, macht gerade diese klangsatte Aufnahme deutlich, die weniger auf schnittige Marsch-Tempi setzt als auf eine breitere, machtvolle Gangarten und gern auch auf süffige Ritardandi. Gewissermaßen eine europäische Alternative zu den vorhandenen, blitzsauberen Williams-Aufnahmen, die neben Ohrwürmern aus "Star Wars", "E. T.", "Indiana Jones" und "Harry Potter" einige Raritäten und Spezialbearbeitungen auftischt (für den Edel-Stargast Anne-Sophie Mutter an der Geige).

Sergei Babayan Rachmaninoff (DG)
Sergei Babayan Rachmaninoff (DG)

Wermutstropfen: Nicht jede Nummer des Konzertprogramms ist auf der CD nachzuhören. Dafür muss man schon zum Blu-Ray-Video greifen und damit ein wenig tiefer ins Portemonnaie.

Ein reines Vergnügen das Solo-Debüt von Sergei Babayan für die DG: Der Armenier, Jahrgang 1961, beweist nicht nur, warum ihn Martha Argerich als Duo-Klavierpartner schätzt, sondern auch, dass Sergei Rachmaninow nicht zwangsläufig mit Tastendonner einhergehen muss. Natürlich, ganz spektakelfrei lässt sich die Musik des russischen Tastenlöwen nicht spielen. Die poetische Intimität, die hier zutage tritt, rückt den Tonsetzer dennoch in eine Chopin-Gefolgschaft. Babayan setzt punktgenaue Akzente im Notengemenge, wölbt Lautstärke-Bögen penibel und mischt Klangfarben skrupulös. Das kostet die Etüden und Préludes zwar einiges an Schmachtspeck, nicht aber an Charisma.