Bei geschlossenen Augen liegt der Gedanke an einen jungen Wilden nahe: Stürmisch, vorwärtsdrängend, temperamentvoll. Nichts deutet darauf hin, dass der ausführende Pianist die 70 überschritten hat. Rudolf Buchbinder ist ein Phänomen innerhalb seiner Zunft, das bewies er dieser Tage einmal mehr im Konzerthaus gemeinsam mit den Symphonikern. Wie oft mag er Schumanns Klavierkonzert schon aufgeführt haben? Es passt gut zu ihm, dieses Flaggschiff der romantischen Konzertliteratur. Buchbinders technische Sicherheit beeindruckt; attraktiv wird seine Interpretation vor allem dadurch, dass er dem Werk alle Eigenheiten lässt, nichts glättet, sondern ruppige Passagen auch so klingen lässt.

Die Symphoniker und Dirigent Daniel Harding reagierten beherzt auf die Antriebslust des Solisten und holten den Davongaloppierenden stets ein. Atmosphärisch dicht gelang der schwebende Mittelsatz mit dem schönen Klarinettensolo. Einer großen Herausforderung stellte sich das Orchester im zweiten Teil: Strauss‘ Tondichtung "Also sprach Zarathustra" ist wahrlich kein Spaziergang; Luft nach oben wird es wohl immer geben bei der Ausführung dieses Halbstunden-Werks für ein Riesenorchester. Prächtig klang der kraftstrotzende Durchbruch am Anfang. Mit klaren Gesten und ohne eine Dirigier-Show führte Daniel Harding durch das Stück, bei dem Bruckner, Wagner und Mahler um die Ecke lugen. Exzellent agierte die Konzertmeisterin Sophie Heinrich: Wunderschön und souverän gestaltete sie ihre Soli. Ihre Position im Orchester füllt sie mit einer fein austarierten Mischung aus Intensität und Präsenz aus.