Die Wand ist frisch gestrichen, die Möblierung karg: Stephan Pauly (48), neuer Intendant des Musikvereins, hat sein Büro im Sommer bezogen und konnte der Raumgestaltung noch nicht viel Zeit widmen. Der gebürtige Kölner und sein Team haben an der Anpassung des Saisonplans an die Krisenzeit gearbeitet. Ein Gespräch über Verluste, Ampelfarben und künftige Akzente.

"Wiener Zeitung": Am 26. September beginnt die Saison mit einem Konzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Wie "normal" wird die Spielzeit?

Stephan Pauly:Was wir vor ein paar Wochen nicht zu träumen wagten, scheint nun möglich: Wir können voll in die Saison starten. Es wird ein normaler Konzertherbst, wenn auch unter veränderten Umständen. Es wird zum Beispiel keine Pausen geben, um Menschenansammlungen zu vermeiden. Dafür mussten wir einige Programme adaptieren.

Was ist mit dem Abonnement-System? Die Staatsoper hat ihres für die nächsten Monate aufgehoben.

Bei uns bleibt es aufrecht. Jeder Besucher ist uns gleich willkommen, aber die Abonnenten sind das Rückgrat der Institution. Darum zielt unsere Planung darauf ab, dass dieses System weiterläuft. Manche Abonnenten werden umgesetzt, manche in Zusatzterminen untergebracht. Das ist unsere Grundstrategie, und sie wird von einem umfangreichen Präventionskonzept flankiert.

Sie haben jetzt auch ein Wegeleitsystem, wie man an den Eingängen sieht.

Ja, die Besucher werden quasi über ein Einbahnstraßen-System zu den Sitzen geleitet und wieder aus dem Haus hinaus. Der Kartenverkauf findet nur noch personalisiert statt, die Käufer müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen. Und natürlich haben wir ein Hygienekonzept, mit Maskenpflicht im gesamten Haus. Steht die Corona-Ampel auf Grün, muss der Mund-Nasen-Schutz während des Konzerts nicht getragen werden. Steht sie auf Gelb, gilt die Maskenpflicht auch während der Darbietung.

Was, wenn die Ampel orange wird?

Dann würde eine gänzlich neue Situation entstehen. Ich bin froh, wie die Politik die Stufen Grün und Gelb gestaltet hat. Es ermöglicht uns, den großen Saal mit bis zu 1200 Personen zu besetzen. Daher ist auch die neue maximale Besucherzahl von 1500 Personen für Indoor-Veranstaltungen, die ab kommenden Montag bundesweit gelten wird, kein Problem. Springt die Ampel aber auf Orange, dürften nur mehr 250 Personen an Indoor-Veranstaltungen teilnehmen. Dann könnten wir zwar noch unsere zahlreichen Kinder- und Familienprogramme und die Konzerte in den Neuen Sälen durchführen, aber Konzerte im Großen Saal wären genau zu überprüfen.

Die Ampel zeigt für Wien derzeit Gelb. Gibt es trotzdem die Sorge, die Kunden könnten aus Corona-Angst ausbleiben?

Nein. Wir spüren vielmehr einen Hunger danach, dass es wieder losgeht. Der Probenbetrieb ist bei uns voll angelaufen, und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man darf sich wieder freuen! Das Konzert-Erlebnis wird durch die Corona-Maßnahmen kaum beeinträchtigt. Es reisen auch die internationalen Gast-Musiker an, da gibt es keine Probleme.

Wie geht es der Gesellschaft der Musikfreunde und ihrem Haus finanziell? Der Musikverein hat einige Sponsoren, doch die Krise dürfte ihn belasten.

Es entsteht ein massiver finanzieller Schaden. Bis Ende Juni ging es um Konzertausfälle. Jetzt starten wir aber in eine Saison, in der die Einnahmen durchgehend auf ein irrsinnig niedriges Maß gedrückt werden. Wie stark dieser Entgang sein wird, lässt sich aufgrund der Komplexität der Lage nicht vorhersagen.

Bitten Sie die öffentliche Hand um Hilfe?

Wir haben die Hilfsmaßnahmen der Regierung schon bisher genutzt, also Kurzarbeit, Umsatzsteuer-Senkung und den NPO-Fonds. Wir beobachten die Situation genau und führen Gespräche mit der Politik. Aber: Wir möchten jetzt vor allem mit Energie und Freude in die neue Saison starten. Dabei stimmt es mich auch positiv, wie viel Veranstaltungsbetrieb in Österreich möglich ist, verglichen mit anderen Ländern.

Die kommende Saison wurde noch von Ihrem Vorgänger Thomas Angyan gestaltet. Welche neuen Akzente setzen Sie ab der übernächsten?

Das fragt man natürlich jeden Intendanten am Beginn, und darin besteht auch ein Teil seiner Aufgabe. Ich möchte allerdings betonen: Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien besitzt einen solchen Reichtum an Konzertleben, dass die vornehmste Aufgabe eines Intendanten darin besteht, dies ungebrochen fortzuführen. Die besten Orchester und Solisten sind hier ständig zu Gast, das große europäische Musikerbe hat sich dem Gebäude eingeschrieben. Diese Institution hat keinen Bruch nötig, ihre langjährigen Gäste sollen sich weiterhin zuhause fühlen. Was ich an Neuerungen plane, das soll nichts ersetzen, sondern den Charakter der Ausweitung, des Hinzutretens neuer Angebote und Inhalte besitzen.

Worin bestehen diese Ergänzungen? Als Leiter der Stiftung Mozarteum Salzburg haben Sie einen Akzent auf die zeitgenössische Musik gelegt, als Intendant der Alten Oper Frankfurt etwa auch Veranstaltungen außerhalb des Hauses abgehalten.

Lassen Sie sich überraschen. Was ich früher gemacht habe, wiederhole ich hier jedenfalls nicht. Ein Spielplan gelingt am besten, wenn man ihn organisch aus der Identität eines Hauses entwickelt. Ein kleiner Vorgeschmack: Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien besitzt eine der größten Musiksammlungen der Welt, mit Notenhandschriften, Autographen, Instrumenten, einer Bibliothek, Gemälden, Büsten - ein wahrer Schatz. Wir denken darüber nach, ihn stärker mit dem Konzertleben zu verknüpfen.

Wären Kooperationen mit anderen Häusern denkbar?

Unbedingt. Ich habe mit solchen Projekten immer schöne Erfahrungen gemacht - unter der Voraussetzung, dass zwei Institutionen eine gemeinsame, starke Idee entwickeln.

Ihr Vorgänger hat sein Auto täglich im Gebäude geparkt, folgen Sie ihm in dieser Tradition?

Nein (lacht), ich habe gar kein Auto. Ich besitze seit zweieinhalb Jahren keines und vermisse es an keinem Tag - und in Wien schon gar nicht, weil ich eine Jahreskarte habe.