Ben Becker liest die Bibel. Sylvester Stallone spielt Komödie. William Shatner bringt ein Weihnachtsalbum heraus. Richard Lugner kandidiert als Bundespräsident. Ja, können solche Projekte gut gehen?

Die Frage stellt sich auch bei einem neuen Album. Lang Lang, Tastenfeger Nummer eins auf dem Weltmarkt, widmet sich diesmal nicht wuchtigen Klavierwerken oder beglückt den Planeten mit dem Mitschnitt eines Glamour-Events von der Sorte Olympia-Eröffnung oder Fußball-WM. Nein, der Chinese hat sich einer verinnerlichten, kristallinen Musik gewidmet, den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Und seltsam: Die Sache geht für den 38-Jährigen nicht schlecht aus.

Johann Sebastian Bach Goldberg Variations (DG)
Johann Sebastian Bach Goldberg Variations (DG)

Rückblende ins Jahr 2017: Der Noten-Artist zieht sich eine Sehnenentzündung in der linken Hand beim Üben zu, die Folgen sind fatal. Lang Lang muss der Bühne 15 Monate fernbleiben, danach kehrt er mit Schonkost zurück: Statt krachendem Rachmaninow erst einmal manierlicher Mozart. Im März 2019 bringt der vormalige Mister Piano-Bombastic dann - allen Ernstes - eine CD mit Klavierschülerstücken heraus. Nur leider: Lang Lang ringt Kinder-Standards wie "Für Elise" keine neue Lesart ab. Die Gegner wundert es kaum: Sie halten den Mann ohnedies für einen Oberflächenpoliteur.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Dieser Tage straft Lang Lang sie Lügen. Gut: Die Kunstwelt hat schon bessere Aufnahmen der Goldberg-Variationen gesehen. Dieser Beitrag erfreut dennoch. Denn Lang Lang lässt seinen Virtuosenmuskeln nicht die Zügel schießen, sondern hat sich mit Fachleuten auf seine Goldberg-Besteigung vorbereitet. Nikolaus Harnoncourt gab ihm in den Nullerjahren Ezzes, der Cembalist Andreas Staier hat ihn zuletzt ausführlich beraten. Solche Handreichungen sind hilfreich, nicht nur wegen der vielen Ornamentschnörksel über den Noten: Die Goldberg-Variationen sind ursprünglich für ein Cembalo mit zwei Manualen gesetzt, ein Konzertflügel ist bekanntlich nur mit einer Tastatur bestückt. Um Bachs Klang-Ideal auf einem modernen Klavier nahezukommen, sind Konzessionen und Kniffe nötig. Durchaus sinnvoll etwa, dass Lang Lang die linke Hand hervorhebt. Die 30 Variationen kreisen ja nicht um die Melodie des elegischen Anfangsstücks, der "Aria", sondern um ihr Bassnotengerüst.

Nuance statt Notenschwall: Selten hat Lang Lang dieses Prinzip so sehr beherzigt, er bleibt ihm in jeder Sekunde der Studioaufnahme treu. Ohne zu schleppen, formt er Barockverzierungen präzise, passt die Artikulation geschmeidig an den melodischen Verlauf an und sorgt mit behutsamem Pedaleinsatz für ein farbiges, transparentes Klangbild. Stimmt zwar: Sein berüchtigter Manierismus findet hie und da ein kleines Ventil. Dennoch begeisternd, wie Lang Lang den Canone alla Quinta zur beseelten Meditation verlangsamt oder dem Quodlibet zierliche Anmut verleiht. Etwas viel des Guten freilich, dass die Deluxe-Version des Albums ganze vier CDs auftischt und damit nicht nur eine Studio-, sondern auch eine Live-Einspielung. Aber nun ja. Ein wenig Spektakel muss für Lang Lang offenbar doch immer sein.