Um zumindest einen Hauch des gewohnten Freiluftgefühls zu spüren, hätte man der TV-Übertragung bei geöffneten Fenstern lauschen müssen – und im Stehen. Diese Haltung war ja auch bisher Sitte, wenn man das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker, den breitenwirksamen Event-Bruder des Neujahrskonzert, vor Ort besuchte: Im Schönbrunner Schlosspark kam der Zaungast zum unschlagbaren Nulltarif in den Genuss eines Spitzenorchesters vor imperialem Augenschmaus, durfte sein Sitzfleisch während der Darbietung allerdings nicht auf den Kieswegen deponieren. Der Grund: Eine Ansammlung von sage und schreibe 100.000 Besuchern benötigt im Falle des Falles freie Fluchtwege.

Derlei Dimensionen waren heuer undenkbar. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube in der seligen Erinnerung, mochten die Philharmoniker gedacht haben und entschieden sich in diesem Jahr für eine Minimalvariante. Statt des Wimmelbilds voller Fußvolk diesmal nur einige Sitzreihen für Gönner, Freunde, Freundesfreunde und Glückspilze. Krethi und Plethi waren dazu angehalten, der Veranstaltung über die lange Leitung von ORF 2 beizuwohnen. Was für habituelle Schönbrunn-Strawanzer an einen Totalausfall grenzte. Doch seien wir realistisch: Lieber eine Fernseh-Variante als ein Großraum-Cluster.

Opulente Ohrwurm-Parade

Freilich: Wie fein sich die Orchesterklangfarben mischen, wie sinnlich sie den Luftraum durchweben, das lässt sich über das Patschenkino nicht beurteilen. Aber zumindest die philharmonische Präzision hat sich vermittelt. Und: Valery Gergiev, Russlands Schwelger mit dem Mini-Taktstock, blieb jedenfalls seinem Ruf treu und kredenzte Ohrwürmer wie Offenbachs "Barcarolle", ein "Tristan"-Arrangement und ein Potpourri aus der Filmromanze "Doktor Schiwago" mit einer Opulenz, dass sich zumindest akustisch ein Event-Gefühl einstellte. Dabei fehlte es auch nicht an Glamour, vertreten in der Person von Jonas Kaufmann. Zuletzt viel an der frischen Luft tätig zwischen Grafenegg und Michael Niavaranis "Theater im Park", arbeitete sich der Tenor durch einen Strauß an Evergreens – heurigenselig in "Wenn es Abend wird", recht ungeschlacht leider in "Nessun dorma".

Doch Schwamm über die schwachen Momente. Es ist den Philharmonikern hoch anzurechnen, ihr alljährliches Geschenk-Event auch im wohl rötesten Jahr ihrer Finanzgeschichte abgehalten zu haben. Und apropos rot: Beim "Wiener Blut" ließen sie, trotz Gergievs Faible fürs Furiose, zum Abschied einen charmanten Operettenton durchklingen – 2021 hoffentlich wieder mit mehr Applaus vor Ort.