Fad war ihm nicht. Jedenfalls nicht so lange wie vielen Kollegen in der Corona-Krise. Andrés Orozco-Estrada, gefragter Dirigent in der alten und neuen Welt, war nur bis Ende April zur Untätigkeit verdammt. "Im Mai konnte ich schon wieder anfangen, mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks Streams in kleiner Besetzung aufzunehmen; der Juni war voller Termine, und im Juli kamen meine Auftritte bei der Styriarte." Einige davon musste der 42-Jährige zwar absagen, doch ohne Zutun der Pandemie. Der Südamerikaner hatte im Juni einen "kleinen Bandscheibenvorfall" erlitten. Mittlerweile fühlt er sich aber wieder fit, und: "Ich bin guter Dinge."

Solche Zuversicht kann derzeit nicht schaden. Orozco-Estrada ist soeben zum Chefdirigenten der Wiener Symphoniker avanciert und muss das Orchester der Stadt Wien durch unwägbare Zeiten führen. Fraglich etwa, was aus der geplanten Deutschland-Tournee im Spätherbst angesichts der Reisewarnungen wird. Orozco-Estrada: "Ich bin bei Dingen, die mich interessieren, grundsätzlich optimistisch und ich denke, es wird etwas möglich sein. Vielleicht werden wir in kleinerer Besetzung spielen müssen, vielleicht kürzer und nur drei statt sechs Konzerte. Aber wir sind flexibel und zu Kompromissen bereit, die künstlerisch Sinn ergeben."

Bisher sei das Orchester jedenfalls von Infektionen verschont geblieben. Wird regelmäßig getestet wie bei den Wiener Philharmonikern? Nein, aber: "Die Musiker sind sehr diszipliniert, sie halten Abstand und tragen Maske. Wir nehmen die Regeln ernst und lassen uns die Freude an der Musik trotzdem nicht kaputt machen."

Eine "Umarmung" zu Beginn

Freude soll auch der Antrittstermin des frischgebackenen Chefs vermitteln. Am 10. Oktober erklingt im Konzerthaus nebst Musik von Strauss und Korngold ein kurzes Auftragsstück der Niederländerin Carlijn Metselaar. "Vorfreude" heißt es, Orozco-Estrada hat dafür klare Vorgaben gemacht: "Ich wollte unbedingt, dass einige Instrumente im Raum spielen statt auf der Bühne, damit ich mich bei der Arbeit umdrehen muss. Normalerweise sieht das Publikum nur meinen Rücken. Hier schaut es mir ins Gesicht, es ist eine symbolische Umarmung."

Orozco-Estrada will sich dem Publikum aber auch anderweitig nähern, nämlich mit sogenannten "Hauskonzerten". Die Reihe startet am 11. Oktober im Großen Konzerthaussaal, der Name verdankt sich einem leutseligen Konzept. "Das Orchester spielt, ich rede, das Publikum darf ein bisschen mitmachen." Beim ersten Termin will der Dirigent in die Betriebsgeheimnisse von Haydns "Feuersymphonie" dringen und den Zuhörern ein unkonventionelles Aha-Erlebnis bescheren.

Der Mann aus Medellin, der sein Musikleben an der Geige begann, fischt aber auch nach neuem Publikum. "Wenn man in unserer Branche ‚Vermittlung‘ sagt, geht es meist um Kinderkonzerte. Aber: Es gibt auch viele Erwachsene, die mit Klassik nicht in Berührung kommen, sei es aus finanziellen Gründen oder aus Unkenntnis. Es ist eine Tatsache, dass klassische Musik nur einen gewissen Teil der Bevölkerung erreicht. Gerade deshalb müssen wir uns bemühen, allen Menschen Türen zu öffnen." In diesem Sinne freut sich Orozco-Estrada auf die Fortsetzung der "Grätzl-Konzerte", die in kleiner Besetzung beim Heurigen ebenso stattfinden wie im Schwimmbad oder in der Bim.

Der Kolumbianer wälzt aber auch Pläne für ein neues Konzertformat: Er möchte begnadeten, doch noch unbekannten Nachwuchs-Virtuosen eine Bühne bereiten - Teenagern, die unter ihresgleichen scheel beäugt werden und einmal Gelegenheit bekommen sollen, so richtig aufzutrumpfen.

Global eingespannt

Sein eigenes Talent muss Orozco-Estrada in Österreich nicht mehr beweisen. 1997 als Student nach Wien übersiedelt, leitete der Dynamiker mit dem präzisen Zugriff ab 2009 für sechs Jahre das Tonkünstler Orchester Niederösterreich. Die Österreich-Pause währte danach nicht lang: Orozco-Estrada, hieß es in der Folge, sollte 2021 die Symphoniker übernehmen.

Dass es ein Jahr früher geworden ist, liegt an einem Postenwechsel in Wien: Philippe Jordan, Vorgänger bei den Symphonikern, übersiedelte in diesem Herbst als Generalmusikdirektor an die Staatsoper - Orozco-Estrada schloss die Lücke beim Orchester. Was nicht ganz leicht war wegen anderweitiger Verpflichtungen. Orozco-Estrada wird erst 2021 ausschließlich Chef der Symphoniker sein, derzeit gibt er auch noch den Ton bei der Houston Symphonie und dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt an. Wie geht das alles unter einen Dirigenten-Hut? "Meine Saison ist sehr voll, aber die Planung gut koordiniert. Für das Orchester in Texas - eines der wenigen, das in den USA derzeit spielt und die Musiker nicht auf die Straße setzt - sind sieben bis acht Wochen eingeplant, für Frankfurt acht bis zehn." Dabei geht sich noch ein Rosinentermin aus: Im Februar 2021 werkt der Lockenschopf erstmals an der Staatsoper und verantwortet die "Carmen"-Premiere.

Angesichts von so viel Lebenszeit und Arbeit in Rot-Weiß-Rot: Hat Orozco-Estrada auch einen österreichischen Pass? "Eine lustige Geschichte", erzählt er. Nach Jahren des Mühens und Trachtens hatte er die Hoffnung auf eine Doppelstaatsbürgerschaft fast aufgegeben, da ereilte ihn ein Anruf. Sein Antrag sei nun doch bewilligt worden, sein Name - neben anderen Auserwählten - in der Zeitung. "Da stand zwar ‚Andreas Orozco-Estrada‘, aber die meinten wohl mich." Und: "Es gab dann auch eine kleine Zeremonie, für die eine CD mit der österreichischen Bundeshymne aufgelegt wurde. In einer Synthesizer-Fassung! Es war irgendwie surreal, aber auch schön. Und ich war stolz, dass ich das aus eigenen Kräften geschafft habe."