"Und, dass ich da bin, wissen alle Leute!" Ein weise gewählter Beginn für einen Liederabend, der obendrein den Zyklus Lied im Wiener Konzerthaus in dieser Saison eröffnete. Florian Boesch hatte für seinen Auftritt Literatur von Hugo Wolf (die eingangs zitierte Zeile stammt aus "Drei Gedichte von Michelangelo"), Franz Schubert und Frank Martin ausgesucht.

Florian Boesch besticht mit seiner kraftvollen Tiefe, einer satten Mittellage und einer an sich leichten Höhe. - © Wiener Konzerthaus/Lukas Beck
Florian Boesch besticht mit seiner kraftvollen Tiefe, einer satten Mittellage und einer an sich leichten Höhe. - © Wiener Konzerthaus/Lukas Beck

Wie groß der Große Saal sich tatsächlich für den Künstler auf der Bühne anfühlen mag, zeigte der Bariton mit einem angedeuteten Blick in die Ferne noch vor dem ersten Ton. Es bedarf auch nur einer kleinen Geste des Sängers, um seinen Partner am Klavier Justus Zeyen zum Innehalten zu bewegen, als ein Handy verstohlen, aber doch hörbar klingelte. Souverän führte Boesch durch diesen Abend, als intensiver Geschichtenerzähler mit einer Bassbaritonstimme, die geschmeidiger nicht sein könnte. Mit einer kraftvollen Tiefe, einer satten Mittellage und einer an sich leichten Höhe. Wobei die gehauchten Abschlüsse - bezauberndes Gestaltungsmittel und Markenzeichen des Sängers - durch ihren häufigen Einsatz an Attraktivität verloren.

Die Programmauswahl wirkte beim unmittelbaren Erleben eher einseitig und schwer. Musikalisch wie thematisch. Rückblickend war’s ein Abend mit einer gestandenen Bühnenpersönlichkeit. Der Höhepunkt in Bezug auf Intensität, Farbigkeit am Klavier und Geschlossenheit wurde Franz Schuberts "Im Frühling" D 882. In Frank Martins 1943 entstandenen Sechs Monologen aus "Jedermann" erschufen Boesch und Zeyen eine beinahe sakrale Atmosphäre im Saal. Große Kunst. Ebenso die Interpretation des zugegebenen "Über allen Gipfeln ist Ruh" in der Fassung von Franz Liszt.