Während Wien einen Bürgermeister wählt, hat das Orchester der Stadt seinen künftigen Leiter längst gefunden: Andrés Orozco-Estrada waltete am Samstag erstmals seines Amts als Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Dabei hat der gebürtige Kolumbianer, stadtbekannt seit seinen Jahren als Prinzipal des Tonkünstler-Orchesters, zwar noch nicht alle Erwartungen erfüllt, die kommenden fünf Jahre aber vielversprechend eröffnet.

Der Konzertbeginn: Ein freundlicher Hinweis, dass Orozco-Estrada die Publikumsnähe sucht und Zeitgenössisches nicht verachtet. Carlijn Metselaar, Niederländerin Jahrgang 1989, hat eine hübsche Eröffnungsfanfare verfasst und dabei einige Instrumente im Raum drapiert; die sechs Minuten erinnern sanft-abstrakt an die Klangwelt Aaron Coplands. Auch eine Auswahl aus Korngolds "Einfachen Liedern" (1916) verströmt dann eher diskreten Charme: Orozco-Estrada inszeniert diese Spätestromantik in stiller Anmut, Christiane Kargs Gesang weht wie linder Sommerhauch durchs Konzerthaus. Zum Ausklang dann doch ein Schwergewicht, nämlich Richard Strauss' "Heldenleben": Der Südamerikaner am Pult verzichtet auf romantische Rubato-Schlieren, verleiht der Tondichtung einen fast metronomhaften Puls. Das packt und präzisiert, wiewohl hie und da die schwelgerische Fülle fehlt. Spezialapplaus zuletzt für Konzertmeisterin Sophie Heinrich: Ihre Geigensoli strotzen derart vor Wendigkeit, Lebendigkeit und Innenspannung, dass man von einem "Heldinnenleben" sprechen möchte.