Auch ihn hat die Krise viel Rampenlicht und Reisekilometer gekostet. Däumchendrehen musste Jonas Kaufmann allerdings kaum. Wer vor dem Pandemie-Ausbruch Weltstar war, der konnte danach - mangels Flugoption - immerhin als Lokalmatador glänzen. Solcherart war der Tenorissimo zur Jahresmitte auf diversen Freiluftbühnen rund um seine Heimat Bayern aktiv, bevor er im Herbst zumindest an der Wiener Staatsoper in den vertrauten Bühnenbetrieb zurückkehren konnte.

Auch am Plattenmarkt ist der Sänger nicht untätig gewesen: Nachdem er im Juni eine (zwiespältige) "Otello"-Aufnahme herausgebracht hatte, folgt nun ein Liederalbum unter dem Titel "Selige Stunde". Einblicke in die ungewöhnliche Genese des Albums liefert die zeitnah herausgebrachte Dokumentation "Jonas Kaufmann - Ein Weltstar ganz privat", abrufbar auf Amazon Prime: In einem hellen Dachzimmer der Casa Kaufmann haben sich der Tenor und sein langjähriger Wiener Klavierpartner Helmut Deutsch im Frühling in die Lieder vertieft, angeblich ganz stressfrei. Das klingt nach idyllischem PR-Sprech, aber dennoch glaubwürdig: Wo kein Studiohonorar zu bezahlen ist, muss das Ergebnis nicht gleich im Kasten sein. Und im heurigen April war ohnedies kaum jemand in Eile.

Jonas Kaufmann Selige Stunde (Sony Classical)
Jonas Kaufmann Selige Stunde (Sony Classical)

Tatsächlich wird diese "Selige Stunde" ihrem Namen gerecht. 27 Seelentröster bilden darauf ein Wellnessprogramm für die Ohren, darunter einige der schönsten Süßholz-Ständchen der Klassik, von Robert Schumanns "Widmung" bis zu Richard Strauss’ "Zueignung". Kulinarisch? Ja, aber durchwegs mit Klasse: Es ist ein Festspiel des Schmachtens, Schwelgens, Seufzens und Säuselns - und eine ideale Spielwiese für Kaufmanns Timbre in den hauchigen, honigsüßen, hohen Lagen. Mag der Tenor des 51-Jährigen auch bei Bühnenauftritten seine Problemzonen haben, im Fortissimo-Bereich sowie beim Lagenwechsel: Wie sachte er auf dieser Aufnahme Beethovens "Adelaide" umbuhlt und in Schuberts "Jüngling an der Quelle" eine gewisse Luise ("Luuuuuuise"), wie er auf Mendelssohns "Flügeln des Gesangs" gleitet oder in Mozarts "Veilchen" einen gaumigen Hauch von Erotik sprießen lässt, das wühlt das Herzblut ebenso auf, wie es die Tränendrüse in Gang setzt.

Maria Radutu Phoenix (Hellostage)
Maria Radutu Phoenix (Hellostage)

Emotional geht auch die Pianistin Maria Radutu zu Werke. Das neue Album der rumänischen Wahl-Wienerin will das Reifen der menschlichen Seele anhand von Klaviermusik nachzeichnen und spannt einen Bogen vom Sturm der Jugend über erste Liebe und Verlust bis zu selbständiger Größe. Man muss dieses Konzept (zu dem auch Gemälde von Felicia Gulda gehören) nicht inhaliert haben, um sich an Radutus brillantem Spiel zu begeistern. Mit viel Sinn für Tonartbezüge hat sie Raritäten von Bartók, Gershwin und Strawinski mit Ohrwürmern von Satie und Gluck verknüpft. Im virtuosen Zentrum prangt Lizsts Erster Mephisto-Walzer: Radutu verfügt dafür nicht nur über die nötige Wendigkeit und Anschlagswucht, sondern besitzt auch die erforderliche Finesse für die flirrenden Klangfarben. Live zu erleben, samt den zugehörigen Gulda-Gemälden, am Dienstagabend im Wiener MuTh.