Es ist ein Gemisch aus Hass und Hoffnung, das sich in dem Manuskript von 1937 erhalten hat. "Das atonale Wirrsal tastet die Macht und Heiligkeit der Natur an. Die Natur wird sich triumphierend zur Wehr setzen", heißt es drohend. Und mehr noch: "Was sich da für ‚neue Musik‘ ausgibt, dürfte bald ausgespielt haben." Der "atonale Irrwahn", so die Prognose, sei "dem Erlöschen nahe".

Julius Korngold im Jahr 1942. - © Königshausen & Neumann
Julius Korngold im Jahr 1942. - © Königshausen & Neumann

Das sollte sich bald erfüllen - doch mit fatalen Folgen für den Autor. Ein Jahr später hielten die Nationalsozialisten in Österreich Einzug, und sie merzten nicht nur die Neutöner aus, sondern verjagten auch den Schreiber jener Zeilen und seinen Sohn. Denn dieser Autor war ein jüdischer Journalist und sein Spross ein stadtbekannter Komponist. Beide verloren Heimatland und Anerkennung, verbrachten die Folgejahre in Kalifornien und starben dort - der Vater 1945, der Sohn 12 Jahre später. Die Rede ist von Julius und Erich Wolfgang Korngold.

Parteigänger statt Journalist

Stefan Zweig malt in seiner "Welt von gestern" das Bild eines schöngeistigen Kaiserreichs im Abendrot, Julius Korngold zählt zu dessen düsteren Seiten. 1860 als Sohn eines Likörproduzenten in Brünn geboren, verfasste er als Jusstudent bereits Musikkritiken. Auf eine davon aufmerksam geworden, nahm ihn der Kritikerpapst Eduard Hanslick (1825-1904) unter seine Fittiche und baute ihn als Nachfolger im "Musikreferat" der "Neuen Freien Presse" auf. Eine verständliche Wahl, denn beide Männer waren kenntnisreich, wortgewaltig und Waffenbrüder im Kampf gegen moderne Bestrebungen. Dabei hatte jeder seinen Leibfeind: Hieß er für Hanslick Richard Wagner, sollte der Nachfolger Arnold Schönberg und dessen Adepten ins Fadenkreuz nehmen. Korngold verfolgte sie mit enormem Medien-Pouvoir, war er doch noch "Großkritiker" - dieser heute fast ausgestorbene Rezensentenschlag, der weniger vom Klang der Musik begeistert scheint als vom Donnerhall der eigenen Worte.

Diese Machtfülle hat er für allerlei Kampagnen genützt - für Gustav Mahler als Hofoperndirektor, gegen den Nachfolger Richard Strauss, und natürlich zugunsten seines eigenen Sohns Erich Wolfgang, Komponist der Erfolgsoper "Die tote Stadt" (1920). Die Schützenhilfe des Vaters war so massiv, dass die Familie ins Satirevisier von Karl Kraus geriet. Der spöttelte, dass gegen den Korngold-Sohn selbst der selige Wolfgang Amadeus keine Chance gehabt hätte, der zwar "mit Talent, aber ohne Presse" auf die Welt gekommen sei. Ein bisher unbekanntes Detail übrigens: Julius Korngold leistete nur seinem jüngeren Sohn Rückendeckung. Der ältere, Hans Robert, arbeitete ebenfalls als Musiker, betätigte sich aber im väterlicherseits verhassten Jazz-Fach - und leitete zum Grauen des Seniors "Korngolds Six Rhythmicans".

Selbsternannter Exorzist

Wie fanatisch der Vater den "Hässlichkeitswahn" der Modernen geißelte, dokumentiert nun ein Buch: "Atonale Götzendämmerung" heißt es und versammelt etliche Zeitungstexte Korngolds aus dem "Musikkrieg", wie er es nannte. Der Kritiker selbst wollte den Sammelband herausbringen, hatte 1937 darüber einen Vertrag mit dem Doblinger Verlag abgeschlossen. Mit dem "Anschluss" wurde es freilich still um das Buch, auch ein Wiederbelebungsversuch nach dem Weltkrieg fruchtete nicht. Erst nach dem Jahr 2000 tauchte beim Verlag ein Korrekturexemplar auf. Dieses ist nun in einer Faksimile-Ausgabe erschienen - ergänzt um erhellende Aufsätze von Arne Stollberg und Oswald Panagl sowie um akribische Recherchen.

Das Buch ein Lesevergnügen zu nennen, wäre ein Euphemismus. Zwischen Korngolds rabiatem Rollenbild und der Mission heutiger Kritiker klafft ein Jahrtausend. Gleichwohl ist das Buch ein Geschichtsdokument erster Güte, und es übt gruselige Faszination aus. Es sind dies Giftpfeile aus einer Welt, in der sich ästhetische Grabenkämpfe noch so allbedeutend wähnten, wie sich heute die Fehde zwischen Links und Rechts dünkt.

Korngold, Scharfrichter im pluralis majestatis, lässt zwar hie und da mildernde Umstände walten: Claude Debussy, dem Urteil nach Vertreter einer müden Dekadenz, habe der Tonkunst immerhin neue Farbeffekte erschlossen, Igor Strawinski zumindest urtümliche Energien entfesselt und Alban Berg mit der "nervenzerreißenden Geräuschphantastik" seines "Wozzeck" eine schaurige Atmosphäre geschaffen. Doch wo es etwa um den Jazz geht, diesen "schwarzen Spelunkentanz", oder Schönbergs Zwölftonmethode, diese "klügelnde" "Musikarithmetik", da mutiert der Kunstrichter zum Henker.

Eigentlich müsste es schon Zeitgenossen befremdet haben, wie sehr Korngold auch Nazi-nahe Argumente gegen die Atonalen in Stellung brachte, wie er ihnen Widerspruch zur "gesunden" Empfindung und zu "natürlichen" Gesetzen unterstellt. Doch die große - und bittere - Ironie lag eben darin, dass der Mann mit der giftigen Feder allein aus ästhetischem Zorn heraus schrieb: Sein Hass schien ihn mit Blindheit für die politische Wirklichkeit zu schlagen; seine Diagnose von der Restauration des Schönklangs basierte allein auf - vermeintlichen! - Beobachtungen des Kunstbetriebs.

Spätes Lob für Schönberg

Schließlich musste aber auch Korngold, dieser Scharfschütze aus dem Elfenbeinturm, Zugeständnisse an die Wirklichkeit machen - nicht nur mit seinem Gang ins Exil. 1944 begegnete er in Kalifornien seinem jüdischen Landsmann Arnold Schönberg und gratulierte dem bisherigen Erzfeind tatsächlich mit den Worten zum 70. Geburtstag, der Jubilar sei "aus der Musikgeschichte nicht wegzudenken". Ein Jahr später verstummte Korngold für immer. Mit diesem Todesdatum blieb ihm die Rückkehr in die Heimat versagt, aber auch einiges Ungemach erspart - nämlich mitansehen zu müssen, wie die Atonalen im Rahmen eines radikalen Kurswechsels nach der Nazi-Zeit den Ton auf Jahrzehnte anzugeben begannen, während seine Schriften und die Musik des Sohnes der Vergessenheit anheimfielen.