Egon Wellesz und Benjamin Britten waren zwei Komponisten, deren Musik unterschiedlicher nicht sein konnte. Dabei waren sie musikalisch ähnlich sozialisiert. Der Österreicher Wellesz gehörte dem Schönberg-Kreis an, der Engländer Britten wollte bei Alban Berg Komposition studieren - wozu es nicht kam: Erst sträubten sich Brittens Eltern gegen einen längeren Aufenthalt ihres Sohnes in Wien und einen Unterricht bei dem sinistrer Moralvorstellungen verdächtigten Berg, und später, als Britten auf eigenen Beinen stand, war Berg tot. Bergs Musik aber blieb, wie die Mahlers, ein steter Einfluss für Britten - und Mahler war auch für Wellesz ein Fixpunkt.

Egon Wellesz Die Opferung des Gefangenen (Capriccio)
Egon Wellesz Die Opferung des Gefangenen (Capriccio)

Ein wesentlicher Unterschied war indessen der Schaffensprozess: Eruptiv, nahezu ekstatisch bei Wellesz, in disziplinierter Arbeit bei Britten. Auch erweiterte Britten sein kompositionstechnisches Vokabular beständig, ohne seine Sprache grundlegend zu verändern, während Wellesz für jedes Werk ein spezifisches Vokabular wählte. Das konnte nachromantisch sein, frei atonal oder reihengebunden - oder, wie im Fall der Opern "Alkestis", "Die Bakchantinnen" und "Die Opferung des Gefangenen", auf gewaltig aufgetürmten, oft bi- und polytonalen Akkordsäulen ruhen.

Benjamin Britten Peter Grimes
Benjamin Britten Peter Grimes

Das Laben Capriccio ist nun für eine Aufnahme der letztgenannten Oper zu rühmen. Wellesz bezeichnet das einstündige Werk aus dem Jahr 1925 als "kultisches Drama". Tatsächlich ist die Basis ein Theaterstück der Maya. Der Titel beschreibt den gesamten Inhalt. Die Solorollen sind beschränkt auf den Feldherrn, den Schildträger des Prinzen und den Ältesten des Rates. Weder im Text noch in der Musik gibt es etwas wie Psychologie oder (Mit-)Gefühl. Alles ist Ritual, herb, gewaltig und gewalttätig, in niederschmetternder Größe und Grausamkeit. Tanz, Chorgesang und Soli stehen gleichwertig nebeneinander - die Machart erinnert an die Ballettopern Jean-Philippe Rameaus oder an Albert Roussels "Padmavati".

Benjamin Britten (l.) schrieb seinem Lebensgefährten Peter Pears (r.) dessen erste große Opernrolle, den Peter Grimes, auf die Stimme - und schuf damit ein Jahrhundert-Werk. - © apaweb/apa/Fayer/Österreichisches Theatermuseum/GI
Benjamin Britten (l.) schrieb seinem Lebensgefährten Peter Pears (r.) dessen erste große Opernrolle, den Peter Grimes, auf die Stimme - und schuf damit ein Jahrhundert-Werk. - © apaweb/apa/Fayer/Österreichisches Theatermuseum/GI

Die Aufführung des RSO Wien unter der Leitung von Friedrich Cerha ist makellos, die Aufnahme unbedingt empfehlenswert!

Das ist auch die der so völlig anders gearteten Oper Benjamin Brittens, bei der allerdings ebenfalls eine aufgewühlte mitleidlose Menschenmenge im Zentrum steht: "Peter Grimes", der sturmgepeitschte Fischerdorf-Thriller, ist zu einem der wenigen Repertoirestücke des Musiktheaters ab 1945 und einer der am öftesten eingespielten Opern des 20. Jahrhunderts avanciert. Wirklich funktioniert das Werk aber nur, wenn der Sänger des Grimes dessen geistige Zerrüttung glaubhaft macht. In der Neuaufnahme ist Stuart Skelton eine Idealbesetzung: gebrochen lyrisch im Ansatz wie Peter Pears, aber auch fähig zur heftigen Attacke wie Jon Vickers. Die jüngst verstorbene Erin Wall spielt als Ellen grandios auf der gesamten Skala der Emotion, Roderick Williams als Kapitän Balstrode assistiert mit warmem Bariton.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Dirigent Edward Gardner hat der legendären Decca-Aufnahme unter Brittens Leitung sehr genau zugehört: Er holt aus dem Bergen Philharmonic Orchestra einen ähnlich rauen Nordseeton heraus mit Zwielicht, nassem Nebelgrau und einigen aufgesetzten grellen Lichtpunkten. Übrigens auch aufnahmetechnisch ist das eine der besten "Peter Grimes"-Einspielungen, die derzeit erhältlich sind.