"It’s amazing what happens when you let go", zeigt sich Gabriela Montero nach ihrer losgelösten Interpretation von Rachmaninows Zweiter Klaviersonate selbst überrascht. Loslösung lautet das Credo des Abends. Dass da ein paar "zusätzliche Noten" mit im Spiel waren, ist Teil des Spiels.

Denn Gabriela Montero steht für Innovation. Das zeigt die gebürtige Venezolanerin auch in Beethovens Sonate in d-Moll, genannt "Der Sturm". Urplötzliche Tonlawinen, die mit vollem Karacho gewissermaßen einen Berg hinunterrollen, lösen geschmeidige Passagen ab. Die Einzelteile der Sonate werden abgeklopft und dann nach eigenem Ermessen zusammengesetzt; Kollege Ivo Pogorelich hätte eine Freude daran. So richtig rollt der Sturm aber erst bei Rachmaninow über die Bühne und donnert dem Publikum mit Wucht entgegen. Montero steht nämlich auch für Kraft.

Und sie steht für Improvisation, sieht sich als Kommunikatorin mit klarer Botschaft: Lasst uns gemeinsam Musik machen. Eine Stimme aus dem Publikum gibt eine bekannte Melodie vor, Montero improvisiert darüber. Das macht sie zwar auf erstaunlichem Niveau. Aber wenn "Summertime" dabei entjazzt wird, klingt es, als würden Gershwin und Debussy miteinander im Ring stehen: Debussy hat die Oberhand, Gershwin kämpft sich tapfer zurück und Debussy entgeht dem einen oder anderen Schlag nicht. Dem Publikum macht’s Spaß, der Pianistin ebenso. Über den etwaigen musikalischen Mehrwert könnte man diskutieren. Aber auch das gehört zum Spiel. Denn Gabriela Montero steht vor allem für Mut.