Das sieht man auch nicht alle Tage: Bernhard Günther, Intendant des Festivals Wien Modern, greift persönlich zum Sprühbehälter und desinfiziert für seinen Interviewpartner den Sitzplatz. Wie eine Pose wirkt das nicht. Der Umgang mit den Corona-Regeln entscheidet über das Wohl und Weh des Festivals, das ab 29. Oktober ein Monat lang Wiens traditionelle Konzerthäuser und alternative Spielorte mit Neuer Musik beschallen will.

"Wiener Zeitung":Wie zuversichtlich sind Sie, dass das Festival in der geplanten Form stattfindet?

Bernhard Günther:Über den Zustand der Kristallkugel kann ich wenig sagen. Aber wir unternehmen alles, damit das angekündigte Programm realisiert werden kann. Wir arbeiten uns an den Hürden aller Einreisebestimmungen und Maßnahmen ab, und wir sorgen mit allem, was in unserer Hand liegt, für das Sicherheitsbedürfnis des Publikums und der Künstler.

Finden bei Ihnen Corona-Tests statt?

Unser Team wird wöchentlich getestet, wir haben strenge Regeln zu Abstand, Masken, Hygiene, Kontaktverfolgbarkeit. Die eingeladenen Musiker sind zwar nicht alle zu Tests verpflichtet, aber Orchester, Ensembles, Hochschulen und weitere Festivalpartner testen selbst, wir ergänzen, zum Beispiel wegen Reisebestimmungen.

Haben viele Künstler abgesagt?

Seit März haben wir das Programm gefühlte 20 Mal umstellen müssen, vor allem wegen Budget und Koproduktionspartnern. Manche Großprojekte konnten wir retten, etwa die Uraufführung von Edu Haubensak mit elf Klavieren (am 31. Oktober im Konzerthaus) nach der Absage der Ruhrtriennale im April. Der Lockdown von Koproduktionen in Berlin, München, Paris, Bozen ließ sich in Wien auch durch Zusatzproben nicht auffangen. Vieles mussten wir vor der Programmveröffentlichung verschieben. Ich könnte nächstes Jahr zwei Festivals zum Preis von drei veranstalten.

Verursacht die Corona-Prävention heuer zusätzliche Kosten?

Ja. Nicht nur durch PCR-Tests, Desinfektionsmittel, Plexiglaswände und Masken. Durch abgesagte Großprojekte steigen für uns die Hotelkosten, denn wir fallen plötzlich unter den Schwellenwert für Kontingentvereinbarungen. Flüge sind unberechenbar und teurer. Das alles summiert sich zu einem Faktor, der sich noch nicht genau beziffern lässt. Beispiel: das Riot Ensemble aus London. Die britische Regierung hat strenge Bestimmungen für die Einreise ins Vereinigte Königreich aus Risikogebieten, Ausnahmen für die 14 Tage Quarantäne gibt es, aber nicht für Kultur. Vermutlich wird der Auftritt im Porgy & Bess daran scheitern. Aber wir wollen dieses Auftragsprojekt nicht streichen und arbeiten an Live-Streaming zwischen London und Wien. Wir tun alles, um Projekte zu modifizieren statt abzusagen.

Volkmar Klien gestaltet die Installation "Im Sattel der Zeit" (12. bis 15. November); ein Labyrinth aus Papierwänden soll dabei als Schallmembran dienen. Die Veranstaltung im Mumok tut sich mit den Corona-Bestimmungen schwer; Klien hat gescherzt, die Künstler könnten ja Schutzanzüge tragen.

Ich bin froh, dass uns der Humor noch nicht verlassen hat. Natürlich wäre dieser Vorschlag keine Lösung, aber ich glaube, wir haben jetzt eine gefunden. Das Grundproblem dahinter ist die Nervosität der Regierung gegenüber Veranstaltungen ohne zugewiesene Sitzplätze. Ich halte die Skepsis für überschießend, jedenfalls bei so präziser Planung. Neue Musik hat im Entwickeln innovativer Formate lange Erfahrung. Ich selbst habe Konzerte im Schwimmbad produziert, in Baugruben, im Hochsicherheitstunnel unter dem Rhein. Wir wissen, was mit welchem Grad an Sicherheit durchführbar ist, bemühen uns um zukunftstaugliche Formate und haben ein diszipliniertes Publikum. Es kann nicht sein, dass am Ende nur das klassische Konzert-Setting des 19. Jahrhunderts überbleibt.

Die Regierung gestattet seit dieser Woche nur noch sechs Personen bei Indoor-Veranstaltungen ohne zugewiesenen Sitzplatz. Wie retten Sie die alternativen Formate Ihres Festivals?

In den bislang 15 Fassungen der Maßnahmenverordnung variiert diese Zahl zwischen 0, 200, 100, 25, 50, 10 und 6. Die Abweichung gegenüber der entspannten Regelung für Museen und Messen ist absurd. Jedes Drehen an dieser auf Privatpartys abzielenden Schraube verursacht im Profibereich Zusatzkilometer ohne Ende. Formate, die sicherer sind als Messe- oder Museumsbesuche, werden wie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Aber wir geben nicht auf und zählen auf die Nervenstärke der beteiligten Institutionen.

Trotz der Absagen kooperiert Wien Modern mit 50 Partnern. Ist das auch eine Strategie, um Menschen abseits der Neuton-Community zu erreichen?

Unbedingt. Zugleich soll es die Diversität abbilden, die die Neue Musik inzwischen erreicht hat. Bei der Festival-Gründung 1988 ging es darum, Meisterwerke des 20. Jahrhunderts in die großen Säle der Stadt zu holen. Heute entstehen weiterhin Orchesterstücke, die diesen Ansprüchen genügen - ich denke etwa an die Uraufführung von Hugues Dufourt beim Eröffnungskonzert am nächsten Freitag. Es ist aber auch wichtig, Off-Off-Locations und andere ästhetische und gesellschaftliche Kontexte als Teil des Ganzen zu verstehen und zu zeigen.

Und damit auch avancierte Klänge jenseits der E-Musik-Sphäre vorzustellen?

Ja. Ein Fallbeispiel ist die Uraufführung von Fennesz am 17. November: Mithilfe eines Kopfhörers bewegt sich das Publikum im Foyer des Konzerthauses durch einen virtuellen Klangraum. Stilistisch, technologisch und vom Format her ist das etwas, wovon die Festival-Gründergeneration noch nicht einmal träumen hätte können.

Warum heuer das Motto "Stimmung"?

Ich achte immer darauf, dass das Thema in einem Naheverhältnis zur Gesellschaft steht. Andererseits will ich der Musik nicht billige Mode-Etiketten aufkleben. "Stimmung" ist ein eminent musikalisches Phänomen, wir spielen natürlich auch mit der Doppeldeutigkeit. Faszinierend ist: Das Thema steht seit Jahren fest, aber noch nie wurde so viel über Stimmung nachgedacht wie heuer.

In doppelter Hinsicht?

Ja. Im Lockdown gab es die merkwürdigste Stimmung, die ich je erlebt habe. Es war auch eine Zeit, in der viele Künstler ihre Auftragswerke für Wien Modern komponiert haben - Hugues Dufourt oder Clara Iannotta, die damit einen Schlussstrich hinter eine der finstersten Perioden ihres Lebens setzte. Ich glaube, dass manche dieser Arbeiten tatsächlich als ein Licht am Ende des Tunnels geschrieben wurden, und ich bin extrem gespannt darauf, wie es sich anfühlt, das zu hören.