Die Staatskapelle Dresden: ist ausgeblieben. Die Philharmoniker aus Stockholm: haben abgesagt. Das Orchestre Philharmonique de Radio France: steigt nicht in den Flieger nach Wien. Und der wohl schwerste Schlag für die Stadt: Der Rückzug der Staatskapelle Berlin. Vier prominent besetzte November-Konzerte im Musikverein mit viel Beethoven im Gepäck - alles futsch. Statt dem 250. Komponistengeburtstag hat ein blutjunges Virus den Klassikkalender im Griff und führt mittels Reisewarnungen zu einem massiven Terminverlust.

Trotzdem sollten Wiens Klassikfreunde nicht lautstark raunzen - denn im internationalen Vergleich befinden sie sich in einer privilegierten Wohnlage. Nicht nur, dass Orchester hierzulande noch 1000 Personen beschallen dürfen. Sollte der Flugverkehr abermals völlig erlahmen, hätte Wien mit seinen Philharmonikern immer noch einen Lokalmatador der Extraklasse - und mit den Symphonikern und dem ORF-RSO zwei weitere gediegene Klangkörper.

Anton Bruckner Symphonie Nr. 8 in c-Moll (Sony Classical)
Anton Bruckner Symphonie Nr. 8 in c-Moll (Sony Classical)

Die Philharmoniker beweisen nun auf CD auch wieder einmal ihren Rang: Sie haben mit Dirigent Christian Thielemann einen neuen Bruckner-Zyklus in Angriff genommen und stemmen gleich auf dem ersten Album den wuchtigsten Brocken des Oberösterreichers, nämlich seine Achte Symphonie (Haas-Edition). Bruckner, der große Spannungsarchitekt der Tonkunst, arbeitet auch hier mit seinen typischen Mitteln, aber eben besonders kolossal: Choralartige Blöcke, rhythmische Steigerungswellen, Sequenzen, Klangfarbenwechsel und gliedernde Generalpausen fügen sich zum 80-minütigen Giganten - seinem "Mysterium", wie er es nannte.

Gustav Mahler Lieder (harmonia mundi)
Gustav Mahler Lieder (harmonia mundi)

Erstaunlich ist an dieser Aufnahme vor allem, wie Thielemann scheinbar Konträres vereint. Dank seiner Bruckner-Expertise strahlt diese "Achte" (live aufgenommen 2019 im Musikverein) eine innere Spannung und zugleich eine edle Entspanntheit in der Klanggebung aus. Letztere ist nicht nur den flaumigen Streicherchören anzuhören und kammermusikalisch ausgespielten Details, sondern auch den Kulminationspunkten dieser Symphonie - jenen Momenten, in denen Bruckners Rhythmen an die Riffs einer Hardrock-Gruppe erinnern können. Unter Thielemann wirken selbst diese Passagen nicht herausgedonnert, sondern wohlgesetzt. Ein wundersames Zusammenspiel aus Intensität und Klangkultur, das wohl auch live im Musikverein Fortsetzung findet: Am letzten November-Wochenende widmet sich der deutsche Publikumsliebling hier mit den Philharmonikern Bruckners Dritter; zur Freude der Thielemaniacs dirigiert er ab 15. November außerdem "Ariadne auf Naxos" an der Wiener Staatsoper.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Beim Genuss der neuen CD von Christiane Karg, jüngst ebenfalls live in Wien präsentiert, drängt sich ein seltsamer Eindruck auf: Hat die Deutsche da nicht nur Mahler-Lieder gesungen, sondern sich auch selbst am Klavier begleitet? Es ist fast Synchronschwimmer-präzis, wie Kargs Kristallsopran und das Tastenspiel Malcolm Martineaus aufeinander abgestimmt sind. Und es ist umso verblüffender angesichts der feinen Tempo- und Dynamikwechsel, mit denen sie die Gefühlspalette dieser Lieder akzentuieren. Anspieltipp: Die "Fischpredigt", überraschend verlangsamt zu einer augenzwinkernden Komik.