Es kommt nicht oft vor, dass der Auftakt eines großen Festivals auch dessen Derniere ist. Das Neue-Musik-Festival Wien Modern dürfte aber genau vor dieser Situation stehen. Am gestrigen Freitag feierte man die große Eröffnung im Konzerthaus - glaubt wohl aber selbst nicht mehr daran, dass man die heurige Ausgabe wie geplant bis 29. November wird durchziehen können - auch wenn Festivalchef Bernhard Günther noch mit einem flammenden Appell das Ruder herumzureißen versuchte.

"Es muss unter allen Umständen möglich sein, Momente wie ein Konzert [...] miteinander zu teilen", versuchte der Intendant des Festivals gleichsam in letzter Minute die Politik von einem Lockdown im Kulturbereich abzuhalten. Auch sei der Austausch mit Menschen, mit denen man nicht in einem gemeinsamen Haushalt lebe, essenziell. Gerade Besucherinnen und Besucher von kulturellen Einrichtungen hielten sich akribisch an die Sicherheitsmaßnahmen: "Das zeigt, das Kultur etwas ist, das gewollt und gebraucht wird."

Ob diese Appelle noch fruchten, entscheidet sich Samstagabend. Und so blieb am Freitag nicht viel mehr, als das, was man hatte, zu feiern. So konnte man immerhin zwei der heuer geplanten 57 Uraufführungen bei Wien Modern realisieren: "Trazos II" des bolivianischen Wahl-Hofstätters German Toro Perez, der dafür das großbesetzte RSO unter Leo Hussain um zwei Klaviere sowie zwei Harfen, gestimmt im Vierteltonabstand, erweiterte. Sein Werk ist ein aufwallendes, beinahe wütendes Stück, das sich in die Tradition der US-Klangexperimentatoren der 60er stellt. Ein Kompendium an Andeutungen, in denen sich einzig die Percussion hie und da mit einem Rhythmus vorwagt, der letztlich aber immer wieder versandet.

"Seerosen" als Vorbild

Das zweite Auftragswerk des Abends war Hugues Dufourts Klangfarbenarbeit "Les deux saules d'apres Monet", bei dem sich der Franzose während des Lockdowns Nr. 1 Monets "Seerosen" als Vorbild für einen Klangteppichen genommen hat, der wie ein Seerosenteich im Wellengang auf und abschwingt und die langsamen Akkordzerlegungen zelebriert.

Den Auftakt des Abends gestaltete nach Pauline Oliveros "The Tunin Meditation" - einer Meditation des Hörens und Aufeinanderhörens aus 1971 - jedoch die Bratschistin Tabea Zimmermann. Die mit Nils Mönkemeyer wohl bekannteste Meisterin ihres nicht eben häufig solo zu hörenden Instruments hatte sich zum Dialog mit dem RSO für Enno Poppes "Filz" eingefunden. Streckenweise arabeske Melodik steht im scheinbaren Widerspruch zum gackernden Dialog zwischen Bratsche und 1. Violine. Der Ton wird oftmals erst in der großen Amplitude gesucht und gefunden, bisweilen verschwimmen Solistin und Orchester, um dann wieder ins Gespräch zu gehen - man ist eben verfilzt miteinander. (apa)