Der Engländer John Tavener (1944 -2013) ist eine der interessantesten Gestalten der Neuen Musik. Sein Weg führte von einer klangbetonten Avantgarde zu einer vergeistigten Musik, die im orthodoxen Gottesdienstes wurzelt. Auf der nun bei Hyperion veröffentlichten CD interpretiert der britische Starcellist Steven Isserlis späte Werke Taveners.

John Tavener No longer mourn for me
John Tavener No longer mourn for me

Taveners frühes Vokalwerk "The Whale" (1966), voll mit farbintensiven Klangflächen, begrenzten Improvisationen und weitintervalligen Singstimmenführungen, wurde nicht zuletzt dafür berühmt, dass die Schallplattenaufnahme auf dem Beatles-Label "Apple Records" erschienen ist. Tavener galt nach "The Whale" als Galionsfigur der Neuen Musik Großbritanniens, bis sich seine Oper "Therese" 1979 zu einem der größten Flops in der Geschichte der Covent Garden Opera entwickelte. International fiel er am nachhaltigsten auf, als sein "Song for Athene" auf der Beerdigung von Prinzessin Diana erklang. Das war 1997, als sich Taverners Stil bereits gewandelt hatte.

Starcellist Steven Isserlis hat sich der späten Musik von John Tavener angenommen. - © apaweb /apa/Olivia Hampton/AFP
Starcellist Steven Isserlis hat sich der späten Musik von John Tavener angenommen. - © apaweb /apa/Olivia Hampton/AFP

Tavener war zeitlebens gesundheitlich durch das Marfan-Syndrom herausgefordert, eine Bindegewebserkrankung, die zu Herzschäden führen kann. Nach dem Scheitern seiner ersten Ehe wurde er zeitweise Alkoholiker, es folgten Schreibblockaden, ein Schlaganfall, und während einer Operation musste er wiederbelebt werden. Auf all das reagierte Tavener mit einer immer stärkeren Hinwendung zum christlichen Glauben. 1977 konvertierte er zur russisch-orthodoxen Kirche, deren Musik er jetzt als seine zentrale Inspirationsquelle nützte.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Gleichzeitig unterzog Tavener seine Musik einer Klärung: Die vielschichtigen Klänge weichen tonal fassbaren Akkorden, die farbintensive Instrumentierung einer Beschränkung auf Streicher, ab und zu mit wenigen zusätzlichen Instrumenten. Simpel sind diese Werke dennoch nicht: Immer wieder verwendet Tavener Strecken komplexer Polyphonie, die an die Praktiken der Renaissancekomponisten erinnern.

1988 komponierte Tavener für den Cellisten Steven Isserlis "The Protecting Veil", eine Art Cellokonzert, das zu einem Welterfolg wurde. Isserlis bat Tavener um ein weiteres Werk. Knapp vor seinem Tod kam Tavener der Bitte nach und schrieb "The Death of Ivan Ilych", eine Solokantate nach Lew Tolstois Erzählung für Bass, Cello und einem Orchester aus Streichern, Schlagzeug, Klavier und zwei Posaunen. Trotz aller großformatigen Kompositionen aus seinen späteren Jahren ist diese knappe halbe Stunde wohl Taveners zweites Hauptwerk neben "The Whale": Die Musik drückt Angst und Schmerz auf beklemmende Weise aus, ringt sich dann aber zu einer Erlösungsapotheose durch, wie es ihresgleichen wenige gibt.

"Preces and Responses" und "No longer mourn for me" waren ursprünglich Vokalwerke, die Isserlis für ein Ensemble von acht Celli transkribierte - man weiß nicht, in welcher Fassung diese herrliche Musik mehr Spiritualität verströmt. "Mahámátar" und "Popule meus" sind beides substanzielle Vokalwerke, "Mahámátar" bezieht die Improvisationen einer Sufi-Sängerin mit ein.

Wertvoll ist diese CD nicht zuletzt, weil sie mit dieser Zusammenstellung einerseits zeigt, wie vielfältig und keineswegs simplifiziert das späte Schaffen Taveners ist, und andererseits, welche Ausdruckskraft dieser Musik innewohnt. In ihr begegnen Menschlichkeit und Spiritualität einander auf eine Weise, der man sich kaum verweigern kann: Es ist Musik, die in die Tiefe geht und das Höchste erreicht.