Manch abergläubischer Augur schrieb den aktuellen Lockdown im Kulturbereich bereits dem "Zorn Gottes" zu. Schließlich war bereits vier Mal erfolglos versucht worden, das gleichnamige Stück von Sofia Gubaidulina uraufzuführen. Dass das Neue-Musik-Festival Wien Modern nun Versuch Nummer fünf ankündigte, konnte mancher als böses Omen interpretieren. Doch die Organisatoren des durch den überraschend verhängten Lockdown getroffenen Festivals ließen sich nun nicht mehr bremsen.

Ab Freitagabend (6. November) ist das Stück für sieben Tage lang kostenlos im Stream zu erleben - wie geplant vom RSO im Musikverein eingespielt, wobei Shootingstar Oksana Lyniv das Orchester erstmals führte. Einzig ein paar Journalistinnen und Journalisten waren coronabedingt bei den Aufnahmen zugelassen, für welche die Musiker des RSO teils bis in die vorderen Logen des Goldenen Saals verteilt wurden, um jederzeit einem Babyelefanten den entspannten Gang durch das Orchester zu ermöglichen.

Etwas verpasst!

Und so konnte "Der Zorn Gottes" nun erstmals auch wirklich anheben. Eigentlich hätte das gut viertelstündige, Beethoven gewidmete Werk bereits im Februar 2017 in Düsseldorf von der Staatskapelle Dresden uraufgeführt werden sollen. Diese Datum konnte Gubaidulina ebenso wenig einhalten wie den folgenden Mai. Dann sprangen die Osterfestspiele Salzburg als Auftraggeber ein - das Werk wurde für die Uraufführung im April 2019 an der Salzach jedoch zu knapp fertig, und so verschob Staatskapellen-Chefdirigent Christian Thielemann das Ganze auf April 2020, was schließlich Lockdown Nr. 1 zum Opfer fiel. Nun lässt sich konstatieren: All die potenziellen Zuhörer in Düsseldorf, Dresden und Salzburg haben etwas verpasst.

Dirigentin Oksana Lyniv vor Musikern mit Masken und leeren Zuschauerreihen.  - © Markus Sepperer
Dirigentin Oksana Lyniv vor Musikern mit Masken und leeren Zuschauerreihen.  - © Markus Sepperer

Denn "Der Zorn Gottes" ist gewaltig, Gubaidulina lässt gleichsam die Posaunen von Jericho erschallen. Auf mächtige Blechsalven folgt ein solch tiefer Cantus der Wut, dass einem Beethoven nur so die Ohren geschlackert hätten. Die Streicher werden über weite Strecken zur klanglichen Auslegeware bestimmt, die sich nie gegen die anderen Gruppen in den Vordergrund spielt. Die Bläser und ab und an das Schlagwerk sind die Wortführer dieser Brandrede, wohingegen die Streicher bisweilen beinahe die Kraft zu verlassen scheint. Der Klang schwingt sich immer wieder brachial in die Weiten des Alls auf, um alsbald im vollen Lauf in die Fermate zu gehen. Es sind Ahnungen von Beethoven, keine direkten Zitate, welche die 89-jährige Gubaidulina am Ende anklingen lässt.

Neben dieser Uraufführung erwartet Streamingfreunde auch das Konzert für Viola und Orchester der gebürtigen Russin, die seit 1992 in Deutschland lebt. Antoine Tamestit ist hier als Solobratschist der zentrale Protagonist des 1996 uraufgeführten Werkes, das praktisch das völlige Gegenteil des "Zornes" darstellt. Es ist ein vorsichtiges Stück, in dem die Komponistin ganz auf den Dialog zwischen der Bratsche und einem sensiblen Orchesterklang setzt, der sich nur vorsichtig an das Klangbild der Viola herantastet. Es ist kein Dialog auf Augenhöhe, sondern einer, in dem das Orchester allenfalls Stichwortgeber ist, zumal es sich auch noch einem Streichquartett gegenübersieht. Viel klangliche Tiefe also, die Musikfreunde nun daheim im Lockdown ausloten können. (apa)