Als die Museen im Frühling begannen, Erinnerungen an den Lockdown zu sammeln, steckte wohl nicht nur ein Aktualitätsanspruch dahinter. Die Aktion war auch von Optimismus befeuert, und schließlich von einem gewissen Triumphgefühl. Corona wird überwunden - ins Museum damit!

Und doch kam es dann wieder ganz anders. Die nächsten Monate könnten sich abermals als reiches Feld für museale Fundstück-Sammler erweisen, und auch der Musikbetrieb wird weiter damit befasst sein, die Homeoffice-Gesellschaft mit Trost und Erbauung zu beschallen.

Bei dieser Musik-Arbeit hilft nun einiges, was bereits während der ersten Welle aufgenommen worden ist. Zugegeben - man würde all das jetzt lieber aus der Warte der Nostalgie gehört. Doch nun hilft es immerhin über die spaßarme Zeit. Wie das neue Album von Daniel Hope. Der Star-Geiger hat sich sein Wohnzimmer im Frühjahr zum TV-Studio aufrüsten lassen und dort Kleinkonzerte für den Fernsehsender Arte aufgenommen; in geballter Form sind seine musikalischen Stimmungsaufheller nun auf dem Album "Hope@Home" versammelt.

Daniel Hope Hope@Home (DG) - © macuser
Daniel Hope Hope@Home (DG) - © macuser

Man tut dieser CD einen Gefallen, sie eher als Therapeutikum denn als "Klassik" zu betrachten. Hope, schon in den Vorjahren gern im Crossover-Fach unterwegs, fiedelt sich gemeinsam mit Pianist Christoph Israel und wechselnden Stargästen durch Ohrwürmer aus den Fächern Klassik, Jazz und patinierter Schlager. Im Vier-Minuten-Takt setzt es Klangkonfekte wie Schuberts "An die Musik" (gesungen von einer gefühlssatten Geige), Salonvergnügen à la "La vie en rose" oder den Swing-Standard "Autumn Leaves" mit der herrlich stilsicheren Trompete von Till Brönner. Kurzum: Funktionale Musik im besten Sinn des übel beleumundeten Wortes.

Daniil Trifonow Silver Age (DG)
Daniil Trifonow Silver Age (DG)

Der neue Streich von Daniil Trifonow genügt höchsten Ansprüchen. Der russische Über-Pianist meistert auf seiner Doppel-CD "Silver Age" brillante Klavierwerke aus dem Russland des frühen 20. Jahrhunderts. Tonkunst, die sich aus mannigfachen Quellen speist: Da klingt die schwelgerische Romantik des 19. Jahrhunderts nach, da zwinkert andererseits der Neoklassizismus schelmisch mit dem Auge, da melden sich auch die Dissonanzgestöber der Expressionisten und anderer Freitöner.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Es erstaunt nicht, dass Trifonow, der Feinstmotoriker unter den Pianisten, diese Wuchtwerke schier mühelos bewältigt. Es berückt vielmehr, welche Delikatesse er dabei freisetzt, welche Farbenzauber er, mitunter scheinbar auf allen 88 Tasten zugleich, entfaltet und wie er mit Artikulationswechseln nahezu 3D-Effekte erzielt. Trifonow versteht es, das Klanggeschehen selbst im Zeitraffer-Tempo wie Wachs zu modellieren, Strawinskis "Petruschka" gerät ihm in der Klavierfassung zum rauschenden, kristallklaren Bilderbogen, und Prokofjews Achte Sonate zum Tanz der Extreme zwischen ziseliertem Staccato und Donnerakkorden. Dem nicht genug, prunken auf der zweiten CD Skrjabins (romantisches) Klavierkonzert und das monströse Zweite Konzert von Prokofjew, furios begleitet vom Mariinski Orchester unter Valery Gergiev. Reichlich Hörstoff für dunkle November-Abende daheim.