Das muss man selbst gehört haben, sonst glaubt man’s nicht: Ludwig van Beethovens Paukenkonzert. Vier Sätze, Schlusschor. Der Paukist prügelt auf seine Instrumente ein, dass man nur deshalb nicht ertaubt, weil der geringe dynamische Rahmen der technisch inferioren Aufnahme keine großen Lautstärken zulässt.

Dieser geradezu kultisch verehrte Aberwitz an bizarrer Technik und miserabler Aufführungsqualität ist nazifizierter Beethoven: Die Neunte Sinfonie, dirigiert von Wilhelm Furtwängler, aufgenommen im März 1942. Anlass war das Festkonzert zu Adolf Hitlers Geburtstag.

Was daran aber ist so außerordentlich? - Die Tonqualität kann es nicht sein. Offenbar waren die Mikrophone zu nahe bei den Pauken (und damit am Schluss auch den Becken) positioniert. Der Klang ist heillos verzerrt. Die Berliner Philharmoniker, beraubt ihrer ethnisch und politisch nicht akzeptierten Mitglieder, sind in beklagenswerter Verfassung. Einsätze und Intonationen wackeln. Im langsamen Satz finden die Holzbläser nicht in die Takte hinein, weil Furtwänglers undeutliche Zeichengebung in Zusammenspiel mit seinem Zeitlupen-Tempo jeden Puls unterdrückt.

Wenn Kritiker oder Zuhörer von der "apokalyptischen Gewalt" der Aufnahme sprechen, hat das nichts mit dem zu tun, was sie tatsächlich hören. Es ist eine reine Legendenbildung. Man hört, was man eingeredet bekommen hat oder sich selbst einredet. Wäre nicht der mit einer mystischen Aura umgebene Wilhelm Furtwängler der Dirigent und gäbe der Anlass der Aufführung der Sensationslust keine Nahrung (Hitler feierte, während Menschen in den KZs verreckten ... !), wäre diese Aufnahme in den Tiefen der Archive versunken.

Was man vielleicht
verschoben hat

Der Lockdown wird viele Musikliebhaber veranlassen, sich auf YouTube und ähnlichen Plattformen Aufführungen zu Gemüte zu führen, die man immer schon hören wollte, aber auf später verschoben hat. Man wird dort auf zahlreiche sogenannte historische Aufnahmen stoßen, nicht zuletzt deshalb, weil deren Schutzfristen abgelaufen sind.

Wobei ja zwischen historisch und historisch ein Unterschied besteht. Es gibt Fälle, in denen die historische Aufnahme eine bedeutende Interpretation überliefert und obendrein technisch so gut geglückt ist, dass man alles hörend nachvollziehen kann. Das Paradebeispiel ist Roger Desormières Aufnahme von Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" aus dem Jahr 1941, von der man annehmen kann, dass sie in der Interpretation die Tradition der Uraufführung fortsetzt. Debussy verzichtet auf große Lautstärken und extreme Register des Orchesters, was der Aufnahmetechnik entgegenkommt. Im Vergleich schneidet Charles Koechlins bedeutendes Orchesterwerk "Les Eaux Vives" unter demselben Dirigenten in einer Aufnahme aus dem Jahr 1937 leider wesentlich schlechter ab: Man hört Knirschen und Rauschen und Knacksen und einen völlig verzerrten Ton. Es ist hoffnungslos.

Dabei wären genau das die einzigen historischen Aufnahmen, die ihre Berechtigung haben: Die nämlich, die ein Werk für die Nachwelt bewahren. Historische Aufnahmen hingegen, die lediglich den Kultstatus eines Interpreten tradieren, sind in der klassischen Musik fast immer Unfug. Sie werden sich, wenn man nur eine Spur Entdeckerfreude an den Tag legt, jederzeit ersetzen lassen durch modernere Aufnahmen von mindestens gleichem interpretatorischen Wert - mit dem Vorteil, dass man bei ihnen auch wirklich die Gelegenheit hat, zu hören, worum es geht. Bei historischen Aufnahmen muss man die Ahnung zu Hilfe nehmen.

Was macht diese Lust an der historischen Aufnahme aus? Denn offen gesagt: Den Hörern, die sich für historische Aufnahmen begeistern, geht es in den seltensten Fällen um Werke von Charles Koechlin, Gottfried von Einem oder Louis Gruenberg.

Dem Letztgenannten beispielsweise begegnen sie höchstens, weil der italienische Starbassist Nicola Rossi-Lemeni die Titelrolle in der Oper "The Emperor Jones" gesungen hat. Auf der Aufnahme aus dem Jahr 1951 ist wenig mehr zu hören als ein verzerrtes Geräusch mit dem im Vordergrund, was offenbar Singstimmen sind, aber auch elektronische Klangerzeuger sein könnten. Es ist unterirdisch. Aber selbst Klassik-Liebhaber, denen es um die Werke geht, haben nur diese eine Chance, an das mit siedendem Jazz aufgeladene Meisterwerk des US-amerikanischen Musiktheaters heranzukommen. Es gibt nur diese eine komplette Aufnahme.

Oper mit Maria,
Lotte und Renata

Aber wer braucht eine in jeder Hinsicht letztklassige "Neunte" Beethovens zu Hitlers Geburtstag? - Damit keine Missverständnisse aufkommen: Furtwängler war ein visionärer Dirigent, wohl in dieser Rolle mehr der Komponist, als der er sich eigentlich fühlte, denn Nachschöpfer. Aber er war kein Orchestererzieher. Charisma ersetzt keine Schlagtechnik. Nur, wenn das Orchester auf hohem Niveau mitarbeitete, konnte etwas daraus werden. Das zeigt etwa seine Aufnahme von Beethovens "Neunter" mit dem Philharmonia Orchestra aus dem Jahr 1954 - die übrigens auch technisch auf gutem Stand ist.

Sehr oft geht es bei der Lust an der historischen Aufnahme aber ohnedies weniger um Dirigenten als um (meistens) Sängerinnen und (weit seltener) Sänger. Maria Callas etwa ist solch ein Fall - egal, ob man sich ihren Ausdruckskünsten mit Begeisterung hingeben kann oder aufgrund des technischen Zustands der Aufnahme kaum erahnen mag, ob da eine Frau singt, ein Mann bizarr fistelt oder ein Schwan in seinen letzten Zügen liegt. Auch das soll ja recht gut klingen, wenn man der Mär glaubt.

Und weil wir gerade bei "Maria" sind, muss ihre Konkurrentin "Renata" aus den Archiven geholt werden, und dann noch "Joan" und "Antonietta" und "Lotte", weil die wahren Fans ihre Göttinnen nur mit Vornamen anrufen. Blasphemie wäre es, Tebaldi, Sutherland, Stella und Lehmann hinzuzufügen. Höchstens spricht man von der Tebaldi, der Sutherland, der Stella oder der Lehmann. Aber das ist nahezu nur Bekehrungsversuchen vorbehalten, die man den Atheisten angedeihen lässt.

Wirklich schade ist dabei, dass all diese rückwärtsgewandte Begeisterung die Entdeckungsfreude von den lebenden Interpreten abzieht. Und zwar keineswegs von den Stars - die haben sowieso ihre CD-Labels hinter sich. Vielmehr geht es darum Dirigenten, Sängerinnen und Sänger zu entdecken, die, aus welchen Gründen immer, nicht von den großen CD-Firmen vertreten werden, vielleicht aber tieferschürfende Interpreten sind, als die gerade angesagten Stars: Christoph Campestrini, Roberto Paternostro, Thomas Rösner, etwa - um nur drei Österreicher zu nennen, die das Zeug hätten, in der allerersten Liga mitzuspielen. Solche Interpreten verdienen es nicht, dass man ihnen Furtwänglers Führer-Feierstunde vorzieht.

Und nicht zuletzt geht es auch darum, Komponisten und Werke zu entdecken. Denn selbst die schwächste Symphonie ist als Schöpfung noch ein bedeutenderer Beitrag zur Musikgeschichte als die beste Interpretation, die doch nur immer Nachschöpfung bleibt.

Es ist Lockdown. Auf zu den Entdeckungsreisen!