Der Erste Bank Kompositionspreis ist eine der wichtigsten Auszeichnungen für zeitgenössische Musikschaffende und wird jährlich im Rahmen eines Konzerts beim Festival Wien modern verliehen. Ein würdiges Ereignis, bei dessen anschließendem Empfang sich die Neue Musik Szene gerne im Wiener Konzerthaus trifft. In diesem Jahr ist der 40jährige Wiener Matthias Kranebitter der Preisträger. Dorthin eingeladen war auch eine Handvoll Kritiker, die zuvor einen Covid-Schnelltest absolvieren musste, so wie die Mitglieder des Klangforum und das gesamte Festivalteam auch. In Zeiten von Covid-19 wird das Konzert als Live-Stream aus dem Mozartsaal übertragen, und ist online noch einige Tage nachzuhören und zu sehen. Immerhin hat das Publikum die Wien-modern-Streamings angenommen, nicht nur in Wien, sondern international.

Im Saal herrscht trotz Testung Maskenpflicht, die Devise lautet: Alle Risiken für den weiteren Verlauf des Festivals zu minimieren! Die Kameras für die Live-Übertragung sind auf Podesten installiert, die einleitenden Worte des Künstlerischen Leiters, Bernhard Günther, sowie das Gespräch in der Pause wurden vorab aufgezeichnet. Nachdem klar war, dass das Konzert als Stream stattfinden würde, stellte sich die Frage, ob die Uraufführung des Preisträgers, "Encycopedia of pitch and deviation" auf diesem Wege überhaupt funktioniert. Denn Matthias Kranebitter thematisiert darin Tonhöhen und Frequenzen, die er in all seinen Extremen zum Klingen bringt, mit akustischen Instrumenten und viel Elektronik. Wenn es dann in höchste Höhen geht, die etwa den Signalen einer akustischen Moskitofalle entsprechen, empfindet man diese, wenn man im Saal sitzt, mehr physisch, als dass man sie wirklich noch hört. Auch in den tiefen Randbereichen, den Subbass-Frequenzen, dominiert die körperliche Wahrnehmung, für die zuhause High-End-Lautsprecher notwendig wären. Streaming-Konzerte erfordern ein geeignetes Programm, daher wird das Preisträgerstück 2021 ein weiteres Mal zu hören sein.

Öffnet eure Chakren

Eine Computerstimme verlautbart, auf welcher Hertz-Frequenz sich die Klänge gerade befinden, und nennt Beispiele, wie etwa die tiefen Schumann-Resonanzen aus der Erdatmosphäre. Matthias Kranebitter findet Inspiration in mathematischen Modellen, Algorithmen sind sein Werkzeug, und das führt zu einem charakteristischen Klang, in dem artifizielle und akustische Quellen untrennbar und nicht mehr unterscheidbar zusammenwachsen. Spielautomaten klingeln, Vogelgezwitscher und Bienensummen, Chakren sollen geöffnet werden – die Musiksprache von Matthias Kranebitter ist ganz heutig und aufgeladen mit Ironie.

Das Klangforum Wien brachte unter der Leitung von Johannes Kalitzke auch "Werckmeister Harmonies", komponiert vom Dirigenten selbst, zur Uraufführung. Eine Übertragung eines Films in Musik. Im inneren Auge des Zuhörers tauchen konkrete Situationen auf, verschwommene Bilder werden kurz scharf gestellt.

Mit frischem Zugang hat die Neufassung von "Mikrogramme WV 206" des im 95. Lebensjahr stehenden Friedrich Cerha überrascht. Zehn Musiker erzeugen mit intensiven Pizzicato-Stellen Klangfeuerwerke. Die Erfahrung eines langen Komponistenlebens manifestiert sich in dieser Souveränität, die fesselt.