Nein, nicht alle Galerien haben zu. Diese hier ist rund um die Uhr offen und man kommt sogar ohne Maske rein. (Ideal für Brillenträger, die sich plötzlich nimmer fühlen, als wären sie im falschen Film, nämlich in: "Die Nebel von Avalon", "Gorillas im Nebel", "The Fog – Nebel des Grauens" . . .) Sollte man die Galeristin dann nicht eigentlich anzeigen, wenn sie so unverschämt gegen die Covid-19-Notmaßnahmenverordnung verstößt und offensichtlich irgendwo in Wien eine "gallische Galerie" betreibt?

Tut sie doch gar nicht, die Michaela Stock. Ihr "Salon Virtual" existiert ja lediglich in der Virtual Reality, in der "Kunstmatrix" (so nennt sich auch der Anbieter dieser flexiblen virtuellen 3D-Räume). Man darf sich aber natürlich trotzdem die Hände waschen, bevor man die Computermaus angreift oder auf dem Tablet oder Handy herumwischt und sich in der puristischen Ausstellung von Sandro Dukic ("Road Movie") umsieht (https://artspaces.kunstmatrix.com).

Auch Jules Verne kannte den Snaefellsjökull

Der New-Media-Artist aus Zagreb, der gleich bei zwei legendären Pionieren der Videokunst studiert hat (bei Nam June Paik und Nan Hoover), hat es sich nicht nehmen lassen, seine analogen Fotos, die perfekt zur aktuellen Stimmung passen, obwohl er sie vor fast 30 Jahren gemacht hat (OLD Media sozusagen), selber zu hängen. An weiße und graue Stellwände, die in einem hellen, weißen Nichts herumstehen (Stock: "im Nirwana"). Eine Oase in der Lichtwüste. Ein bissl wie Stonehenge, nur mit aufgestellten Wänden statt mit aufgerichteten Steinen. (Oh, diesmal keine Sitzbänke für die Besucher, die allerdings sowieso keinen Avatar haben. Wozu also?)

Die Landschaft als Autokino: "Road Movie" von Sandro Dukic. 
- © Galerie Michaela Stock/Sandro Dukic

Die Landschaft als Autokino: "Road Movie" von Sandro Dukic.

- © Galerie Michaela Stock/Sandro Dukic

Und auf den Bildern? Die urtümliche Landschaft Islands. Vulkangestein, Lavafelder, eine raue, karge Gegend. Bestens geeignet für eine Expedition in die Einsamkeit, eine Reise ins Zentrum der Menschenleere. Apropos Reise und Zentrum. Der Berg, der da manchmal im Hintergrund auftaucht, ist der berühmte Snaefellsjökull, jener Vulkan, durch dessen Krater ein gewisser Professor Otto Lidenbrock, sein Neffe Axel und ihr Führer, der Entenjäger Hans Bjelke, in Jules Vernes fantastischem Abenteuerroman "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" ebendahin, zum Mittelpunkt des Planeten, abgestiegen sind. (Und endlich hat Dukic jetzt einmal die Gelegenheit, ein paar seiner alten Aufnahmen auf Tapetengröße aufzublasen, die komplette Wand damit zu tapezieren. In der REALEN Wirklichkeit muss der Anblick trotzdem noch um einiges überwältigender sein, wenn man auf imposante 10 mal 6 Meter Ödnis und Stille starrt und in diese förmlich eintreten kann.)

Bei einer Bevölkerungsdichte von 3,5 Einwohnern pro Quadratkilometer (im Vergleich zu 106 in Österreich beziehungsweise 74 in Kroatien) bietet die dünnbesiedelte Insel aus Feuer und Eis ja überhaupt jede Menge Platz fürs Social Distancing. Für Babyelefanten. Die Einsamkeit ist ein weites Land (selbst wenn sie 2020 oft eine kleine Wohnung ist).

24 Bilder müssen reichen – für die Postapokalypse

Die Ästhetik von Wim-Wenders-Filmen hat den Künstler damals fasziniert, und (witziger Zufall?) genau wie in "Der Stand der Dinge" hat auch er sich beim Filmmaterial beschränkt. Wobei: Im Wenders-Film geht es dem fiktiven Filmteam beim Drehen eines postapokalyptischen Science-Fiction-Films schlichtweg zusammen mit dem Geld AUS (und die hatten garantiert mehr als 24 Einzelbilder dabei), während sich Dukic bewusst dafür entschieden hat, nicht mehr als zwei Fuji-Wegwerf-Panoramakameras mitzunehmen, sich zurückzuhalten. Abgesehen davon, dass man im analogen Zeitalter schon allein, weil es zu teuer gewesen wäre, mit dem Fotoapparat nicht wie mit einem Maschinengewehr wild drauflos geballert hat, sondern das Motiv eher gezielt wie ein Scharfschütze "erlegt" hat, war der Kroate später bei der Endauswahl außerdem noch sehr wählerisch. Gerade einmal vier Fotos sind von den 24 übriggeblieben. Wäre 1992 bereits die Digitalära gewesen, hätte er, wie er meint, wahrscheinlich Tausende Aufnahmen gemacht, und im Endeffekt hätten es sicher doch bloß fünf geschafft. Na ja, immerhin eine mehr, oder?

Diesen Anblick gibt's erst wieder nach dem Lockdown: Michaela Stocks "Salon Real" mit Fotos von Sandro Dukic aus der Serie"Correlation of inner images". 
- © Galerie Michaela Stock/Sandro Dukic

Diesen Anblick gibt's erst wieder nach dem Lockdown: Michaela Stocks "Salon Real" mit Fotos von Sandro Dukic aus der Serie"Correlation of inner images".

- © Galerie Michaela Stock/Sandro Dukic

Momenterl. Das sind die Farbfotos (wenngleich ohnedies nicht viel Farbe drauf ist, höchstens ein wenig Grün – und der Himmel ist bewölkt, also nicht blau). Und die schwarzweißen? Ach so, stimmt, die DRITTE Kamera (keine zum Wegschmeißen) sollte ursprünglich zu Dokumentationszwecken dienen. Inzwischen gefallen ihm die "Dokumente" aber dermaßen gut, dass sie in sein neues Buch, das demnächst erscheinen wird, reinkommen werden. Ein Blick durch die Windschutzscheibe. (Die Landschaft als Autokino, denn wie gesagt heißt die entschleunigende Schau "Road Movie" und die titelgebende Straße drängt sich halt dann und wann ins Bild.) Und die drei Selfies mit Schal vorm Mund könnten direkt von heuer sein. Lassen einen zwangsläufig an die Maskenpflicht denken. (Nicht, dass die übrigen Fotos verjährt wären. Die sind vielmehr zeitlos.) Hm. Umgeht Dukic mit der zusätzlichen Kamera nicht streng genommen sein Gebot der totalen Reduktion der Mittel? Indem er fleißig "dokumentiert"?

Die Realität wartet auf bessere Zeiten

Ja, einen "Salon Real" gibt’s ebenfalls. (Die Galeristin: "Sobald wir dürfen, öffnen wir wieder.") Ein gemütliches Wohnzimmer in der Schleifmühlgasse. Mit Sitzgruppe, Chaiselongue und elektrisch befeuertem Kamin, an dem sich der Künstler hoffentlich doch noch irgendwann wie geplant mit einem Gesprächspartner wärmen wird können. (Stock: "Da wart ma auf bessere Zeiten.") Und an den handfesten Wänden: intime Momente. Erinnerungen an die körperliche Nähe vergangener Tage. Die zwischenmenschlichen Details, von Dukic aus einem größeren Werbesujet herausdestilliert (ein Arm um eine Taille, Hände an einem Nacken – wie heimliche Schnappschüsse), stammen aus dem Jahr 1969. Okay, ganz so lange ist es NICHT her, dass in einem Lokal noch getanzt worden ist. Und bis der Lockdown vorbei ist, sitzt man eben daheim auf seiner EIGENEN Couch. Mit Laptop oder Handy. Und besucht die VIRTUELLE Galerie. Geschlossen ist das neue Offen.