Die Kunst der Kommunikation beherrscht der Geiger Daniel Hope wie sein Instrument. Bereits beim ersten Lockdown im März begeisterte der 47-Jährige mit Streaming-Konzerten aus seinem Wohnzimmer in Kooperation mit dem TV-Sender Arte; im zweiten Lockdown setzt der Wahlberliner diese Serie fort. Der "Wiener Zeitung" gibt er Einblicke in das "Wohnzimmerflair" und in die zweite Staffel von "Hope@Home", die er der nächsten Generation freischaffender Künstler widmet.

"Wiener Zeitung":Wie kam es zu Ihrer Konzertreihe Hope@Home?

Daniel Hope:Bei den vielen
Streams des ersten Lockdowns und auch jetzt hat mich immer gestört, dass die Qualität litt. Ich wollte nicht auf Klangschönheit verzichten müssen, gerade bei klassischer Musik. Und so galt mein erster Anruf damals dem Berliner Tonstudio Teldex. Ich wollte wissen, ob wir in meinem Wohnzimmer etwas produzieren können, das ähnlich gut klingt wie in einem Konzertsaal. Das war für mich die Voraussetzung. Sonst hätte ich es nicht gemacht. Als der exzellente Tonmeister Tobias Lehmann meinte, das klappt, stimmte ich zu. Ich gab Wolfgang Bergmann, dem Chef des Fernsehsenders Arte Deutschland, Bescheid, dass ich mir unsere im Scherz geborene Idee nun vorstellen könnte. Schon am nächsten Tag baute das Produktionsteam automatische Kameras in meiner Wohnung auf. Das Projekt bot mir die Möglichkeit, Kammermusik unterschiedlichster Genres auszuwählen. Bis dahin hatte ich dafür noch nicht das ideale Konzertformat gefunden, um sie einem breiten Publikum zu präsentieren.

Wann war klar, dass die Reihe fortgesetzt wird?

Das war wieder sehr kurzfristig. Ich war in München und hatte drei Konzerte hintereinander gegeben, als ich vom neuerlichen Lockdown erfuhr, das war an einem Freitag. Montag gingen wir schon auf Sendung. Diesmal rief mich auch die Fernsehredaktion des Westdeutschen Rundfunks Köln an, dass sie mit einsteigen möchten. Generell finde ich die Rolle des Fernsehens sehr wichtig. Klassische Musik ist dort kaum mehr präsent. Nun habe ich mit diesem wunderbaren Format die Möglichkeit, junge Leute vorzustellen und kennenzulernen. Es ist jetzt wichtig, dass etablierte Künstler ihren Einfluss nutzen, um die nächste Generation zu unterstützen. Mithilfe des öffentlichen Rundfunkbeitrags können wir ihnen sogar eine Gage zahlen für ihren Auftritt bei mir.

Der junge rumänische Pianist Daniel Ciobanu, den Sie eingeladen hatten, sprach von Musikern als bedrohter Art . . .

Vor allem junge Künstler trifft es sehr. Viele haben gerade ihre Karriere gestartet, sozusagen einen Fuß in der Tür. Und plötzlich ist diese Tür schlagartig zu. Viele Veranstalter sagen sich, wenn wir wieder starten, müssen wir auf bekannte, zugkräftige Namen setzen. Sie wollen nicht riskieren, durch Newcomer noch mehr Verluste einzufahren. Das kann dann bedeuten, dass diese Musiker erst nach der vierten oder fünften Saison wieder eine Chance bekommen.

Der Berliner Rechtsanwalt und Kulturexperte Peter Raue bezeichnet das Quasi-Kulturverbot als krachend rechtswidrig. Was sagen Sie dazu?

Ich bin kein Jurist. Aber ich halte Musik und Kultur für lebensnotwendig, allein, um durch diese schwere Zeit zu kommen. Für mich ist es fast ein Menschenrecht. Ich finde es bitter, jetzt wieder alles auf null zu fahren, bei allem Verständnis für die medizinische Lage. Ich fürchte, es wirkt sich negativ auf die Seele der Menschen aus, wenn man ihnen nicht die Chance gibt, durch Kultur etwas Schönes zu erleben, das sie aufbaut. Wir sehen das an den dankbaren Reaktionen, die wir tausendfach bekommen. Weltweit haben bisher sechs Millionen Menschen unsere Sendung angeschaut.

Auch Ihr Gedenkkonzert an die Reichspogromnacht in der Frauenkirche Dresden wurde abgesagt. Wie sehr schmerzt Sie das?

Wirklich ungemein, denn ich bin dieser Kirche besonders verbunden. Und dann dieser Tag, an dem damals der NS-Terror gegen die jüdische Bevölkerung losbrach, der auch meine Familie traf. Das tat zusätzlich weh. Deshalb hatte ich mich entschlossen, in meinem Stream an dieses Datum zu erinnern. Es hilft mir, dass ich mit dieser Sendung tagesaktuell agieren kann. Das verleiht dem Ganzen eine gesellschaftliche Dimension. Als sich der Anschlag in Wien ereignete, spielte ich am nächsten Abend, zumindest als kleinen Tribut, das Stück des österreichischen Wiener-Lied Komponisten Rudolf Sieczynski "Wien, du Stadt meiner Träume". Ein großer Teil meiner Familie lebt in Wien, auch meine Mutter.

Vermissen Sie Auftritte im Ausland, wie geht es Ihrer Reiselust?

Die ist tatsächlich gedämpft. Aber meine erste große Reise in dieser Zeit führt mich jetzt doch nach San Francisco. Als Musikdirektor des New Century Chamber Orchestra dort bin ich um das Wohlergehen dieser wunderbaren freischaffenden Musiker besorgt. Sie haben seit Februar kein einziges Konzert mehr gegeben. In den USA ist der Lockdown für die Kultur noch verheerender, es gibt kaum Unterstützung. Sechs spezielle Folgen von Hope@Home moderiere ich deshalb mit ihnen aus San Francisco.

Sie haben Künstler aus verschiedenen Genres eingeladen, den Sänger Max Raabe, den Jazz-Trompeter Till Brönner, die Schauspielerin Katja Riemann. Woher kommt die Offenheit?

Ich mag diese besondere Mischung. Ein Vorbild in dieser Hinsicht war sicher mein musikalischer Ziehvater Yehudi Menuhin. Er hat nie Grenzen gezogen zwischen den Stilen. Er spielte mit dem indischen Sitar-Maestro Ravi Shankar genauso wie mit dem französischen Jazz-Geiger Stéphane Grappelli, sie alle gingen bei ihm ein und aus. Und so bin ich mit einer Selbstverständlichkeit, was andere Musikrichtungen angeht, großgeworden. In der Schule habe ich Theaterspielen gelernt. Meine ersten Auftritte als Schauspieler gingen freilich in die Hose. Aber letztendlich geht es doch darum, Leute zu erleben, die Meister ihres Fachs sind, und von ihnen zu lernen. Persönlichkeiten, wie etwa den Künstler und Theaterregisseur Robert Wilson. Ihn habe ich zufällig auf der Straße getroffen. Wir haben spontan beschlossen, dass er in meine Sendung kommt. Und er hat extra Texte dafür geschrieben.

Und wie konnten Sie die einbauen?

Ungelogen zehn Minuten vor der Sendung war nicht klar, was Pianist Christoph Israel, der mich im ersten Lockdown exzellent begleitet hat, und ich dazu spielen können. Wilson kam mit einer ganz anderen Idee, als wir es besprochen hatten. Als er live seinen Text las, dachte ich: Oje, das passt nicht zur Musik, die ich ausgesucht habe. In der Sekunde sagte ich zu Christoph: "Arvo Pärt, wir spielen Arvo Pärt." Viele Menschen reden immer noch von dieser Folge, in der Bob Wilson seinen Text so emotional vorträgt und ein Musikstück folgt, das diese spezielle Stimmung aufnimmt.

Ersetzt Ihnen diese Art von spontanem Reagieren das Lampenfieber?

In gewisser Weise ja. Es fühlt sich ähnlich an. Manchmal freilich entstehen Situationen, die mich ganz anders fordern. Als der Popsänger Max Mutzke hier war, tanzte mein zweijähriger Sohn dazu im Nebenzimmer völlig begeistert. Er wollte gar nicht aufhören. Er hat einen kleinen Anfall bekommen, als wir ihn stoppten, er wollte unbedingt weitermachen. Meine Frau hat ihn schnell auf den Arm genommen und ihn in ein anderes Zimmer gebracht. Zum Glück waren die Mikros weit weg, sonst hätte man seinen lautstarken Protest gehört.