Die Feuertaufe eines Musikers findet bei seinem öffentlichen Debüt statt - für gewöhnlich. Das Alban Berg Quartett bestand schon davor eine Talentprobe, und zwar bei einem Privatkonzert 1970 in Wien. Die vier Streicher spielten dabei besonders um die Gunst einer Frau im Saal, nämlich Helene Berg - denn sie wollten die Erlaubnis der Komponisten-Witwe einholen, das Quartett nach dem Tonsetzer zu benennen. Fortuna war dem Vorhaben hold: Helene Berg gab den Debütanten grünes Licht, und nicht nur das: Sie führte die vier in weiterer Folge durch die Arbeitsräume des Komponisten, zudem gewährte die Alban-Berg-Stiftung dem Ensemble Unterstützung. Eine kluge Investition: Die Formation rund um den Primgeiger Günter Pichler stieg zu einer Weltmarke auf dem Gebiet des Streichquartetts auf und erreichte Verkaufszahlen, die bis dahin wohl kaum jemand dem Liebhaber-Fach zugetraut hatte.

Markante Ziele

Aber zurück zum Beginn. Warum ausgerechnet ein Zwölftöner als Namenspatron? Pichler, heute 80, erinnert sich im Gespräch: "Ich war jung und an zeitgenössischen Stücken interessiert." Damals winkte zwar auch die Gelegenheit, sich Wiener Konzerthaus-Quartett zu nennen. Es gab noch kaum Streicher, die hauptberuflich in dem Genre arbeiteten, Pichler zählte zu den Pionieren. Aber als Konzerthaus-Quartett "hätte es Probleme gegeben, wenn wir einmal ein modernes Programm gespielt hätten. Als Alban Berg Quartett war die Ausrichtung klar." Barg dieser Name aber nicht die Gefahr des Kassengifts? Pichler ist der Gedanke nicht fremd. Aber: "Uns haben dann vor allem die Journalisten geholfen. Für die war das interessant." Als Berg Quartett "hatten wir mehr Interviews, als wir wohl sonst bekommen hätten".

Und das Publikum strömte dann ebenfalls herbei. Wobei: Das lag auch daran, dass ihm das Quartett entgegenkam. Das "ABQ" war nie ein Purist der Moderne, sondern ein maßvoller Botschafter. Sein Grundsatz lautete: Ein Stück pro Abend muss dem 20. Jahrhundert entstammen. Das ließ einerseits viel Spielraum für Meisterwerke. Andererseits läpperten sich auch die neuen Töne, weil die Quoten-Regel eisern durchgehalten wurde. Im Laufe von fast 40 Jahren vergaben die "Bergs" zudem Aufträge an etliche Größen, darunter Alfred Schnittke, Wolfgang Rihm, Gottfried von Einem und Luciano Berio, der dem Quartett "ewige Dankbarkeit" versicherte.

Die Leidenschaft fürs Moderne sorgte aber auch für Widerstände, etwa im Vorfeld einer Schweiz-Reise. Pichler: "Da ging die Korrespondenz hin und her, schließlich sagte uns der Agent, wir sollten einen Kompromiss machen. Also haben wir ein klassisches Programm angesetzt und erst in der Zugabe Weberns Opus fünf gespielt." Triumphierender Nachsatz: "Das Publikum war nicht schockiert, sondern begeistert. Seither war diese Musik auch in Basel möglich."

Die Zielstrebigkeit der Bergs machte sich auch im Plattenbereich bemerkbar. Eigentlich eine frohe Kunde: In den 70er Jahren klopfte die Deutsche Grammophon an, um das Debütalbum herauszubringen. Doch das Angebot war an eine Bedingung geknüpft, nämlich an die Musik von Luigi Cherubini. Das Debüt des Berg Quartetts mit italienischer Klassik? Fand Pichler "absurd". Auch die Teldec rollte den roten Teppich aus, wollte die Newcomer für Joseph Haydn gewinnen. Daraus wurde schließlich ein Kompromiss: Das ABQ weihte dem Wiener Klassiker ein Album und ein weiteres parallel dazu seinem Namenspatron; beide Scheiben wurden mit dem Grand Prix du Disque geadelt. Pichler: "Seither hatten wir freie Hand."

Wobei: Auch später musste manches erstritten werden, die Bergs hatten Biss. "Wir waren lästige Partner für die Plattenfirmen", sagt Pichler. "Wie viele Sitzungen können wir für ein Streichquartett haben, wie viel Schneidearbeit? Es wurde immer wieder versucht, uns zu drücken." Doch da half das Prestige eines Quartetts, das europaweit Zyklen bestritt und global reüssierte. Zudem: "Wir haben über 30 Preise gemacht, und unsere Platten verkauften sich gut." Die Gesamtaufnahme der Beethoven-Quartette erreichte gar astrale Zahlen: Rechnet man die Studio-Einspielung (EMI) und den späteren Live-Mitschnitt aus dem Wiener Konzerthaus zusammen, knackten die Bergs die Millionen-Marke. Der erste Zyklus, erarbeitet von Pichler, Gerhard Schulz an der zweiten Geige, Hatto Beyerle und Nachfolger Thomas Kakuska an der Viola und Cellist Valentin Erben, besitzt bis heute Referenzstatus: In dem reichen Sound, der hohen Intensität und der klaren Linienführung vollendet sich eine moderne, sinnlich grundierte Lesart.

Es wurde auch gestritten

Apropos: Wer entschied über die Interpretationen? Das Kollektiv, ein Chef? Pichler: "Ein Quartett ist ein demokratischer Verband. Unser Bratschist hat einmal gesagt: ‚Eigentlich sollte jeder Quartett spielen, man lernt so viel fürs Leben.‘ Es muss demokratisch zugehen, aber letztlich eine Entscheidung her." Wurde im Berg Quartett gestritten? Ja, sagt Pichler, doch nur selten und kurz. Um sich Musik rasch und profund zu erarbeiten, galt die Regel: "Weniger reden, besser vorbereitet sein." So entstand über die Jahrzehnte ein üppiges Repertoire, das Haydn, Mozart und Schubert ebenso penibel Tribut zollt wie Strawinski, Bartók und den Zeitgenossen. Bis ins hohe Quartettalter legte das ABQ Wert auf Disziplin und Präzision: Mindestens 90 Minuten Probe vor jedem Konzert, daran hielt man bis zur Auflösung 2008 fest.

Um die Zukunft des Genres sorgt sich Pichler übrigens nicht. "Die Ausbildung ist heute wesentlich besser als damals, dadurch haben wir viel mehr gute Quartette. Und es gibt viel mehr Festivals mit Kammermusik." Nur: "Die Honorare sind schlechter geworden, das ist wirklich eine Katastrophe."