Ludwig van Beethoven verlor sein Herz an viele Frauen. Geheiratet hat er nie. Im Jahr 1800 widmete er seine berühmte "Mondscheinsonate" der Gräfin Giulietta Guicciardi. Wenig später verliebte er sich unsterblich in die Opernsängern Elisabeth Röckel, die mit dem Komponisten Johann Nepomuk Hummel verheiratet war. Er könnte ihr sein berühmtes Klavierstück "Für Elise" gewidmet haben. Wer ist aber die Frau, die Beethoven seine "unsterbliche Geliebte" nannte? Im Jahr 1812 schrieb Beethoven einen überschwänglichen Liebesbrief, den er nie abgesandt hat und der nach seinem Tod im Schreibtisch gefunden wurde. Es könnte sich um die Gräfin Josephine Brunsvik de Korompa handeln. Deren 1813 geborene Tochter Minona gilt manchen Beethovenforschern als uneheliche Tochter des Komponisten.

Aus dem "Damenreigen" sticht eine fürsorgliche Freundin aber ganz besonders hervor: Nannette Streicher. Die junge Frau war zwischen Wien und London mit ihrem Klavierbau-Unternehmen sehr gefragt. Die Musikgeschichtsschreibung hat sie allerdings bis in die 1970er Jahre zum "Hausmütterchen" Beethovens verkleinert. Es ist ihren Nachkommen Uta Goebl-Streicher und Jutta Streicher zu verdanken, dass das Leben dieser faszinierenden Frau im Jahre 1999 im Rahmen einer Ausstellung im Beethovenhaus in Bonn gewürdigt wurde.

Nannette war das sechste Kind des Augsburger Orgel- und Klavierbauers Johann Andreas Stein und seiner Frau Maria Regina Stein. Als Kind erhielt Nannette zunächst von ihrem Vater, der ihre Begabung erkannte, Klavierunterricht. 1776 debütierte die 8-Jährige mit einem Klavierkonzert in der Augsburger Patrizierstube. In der Folge trat Nannette Stein immer wieder als Pianistin und Sängerin auf.

"Sie hat Genie"

Vater Stein ließ sein Mädchen 1777 am Kaiserhof in Wien vorspielen. Er nützte die Gelegenheit, um seine neueste Erfindung vorzustellen: den Vis-à-vis-Flügel. Das ist ein Doppelinstrument, bestehend aus einem Cembalo und einem Pianoforte, die an ihren hinteren Enden aneinandergebaut sind. Somit können zwei Spieler gegenüber sitzend auf einem Instrument spielen. 1777 kommt es in Augsburg zur Begegnung mit Mozart. "Kein Musiker von Bedeutung nahm den Weg über Augsburg, ohne den berühmten Stein zu besuchen", heißt es im Nekrolog Nanette Streichers. "Herr Stein ist völlig in seine Tochter vernarrt", schreibt Mozart, nachdem sie vor ihm ganz unbeschwert anspruchsvolle Stücke bewältigt und die von Stein entwickelte zukunftsweisende Prellmechanik vorgeführt hat. Diese wird als "Wiener Mechanik" in die Geschichte des Klavierbaus eingehen. Mozart berichtet seinem Vater begeistert über die "Steinschen" Klaviere. Weniger begeistert war er von der "Tempogestaltung" Nannettes, erkannte aber ihr Talent: "Sie kann werden: Sie hat Genie."

Nannette Streicher auf einer Tuschezeichnung von Ludwig Krones, 1836. - © Sophie Drinker Institut
Nannette Streicher auf einer Tuschezeichnung von Ludwig Krones, 1836. - © Sophie Drinker Institut

Zehn Jahre später, 1787, besuchte ein schweigsamer Jüngling auf der Rückreise von Wien die Werkstatt in Augsburg und gab anschließend mit der von der Firma Stein erbauten Orgel in der Barfüßerkirche ein Konzert. Beethoven war damals siebzehn Jahre alt, ein Jahr jünger als Nannette Stein, und brachte als Hoforganist bereits reiche Erfahrung im Improvisieren mit. Nannette war bei dem Konzert in der Barfüßerkirche anwesend, das, der damaligen Praxis entsprechend, weitgehend improvisierte Musik enthielt. Es ist anzunehmen, dass hier die Wurzel ihrer Freundschaft zu finden ist. Immerhin gelang es dem schwierigen, mitunter mürrischen, genialen Beethoven 26 Jahre später, die begabte Unternehmerin Nannette Streicher für einige Jahre als Haushälterin zu gewinnen.

Da Nannette von ihrem Vater schon sehr früh mit dem Klavierbau vertraut gemacht wurde, konnte sie die Werkstatt nach seinem Tode im Februar 1791 selbstständig weiterführen. Sie präsentierte die firmeneigenen Instrumente, spezialisierte sich auf die Einrichtung der Tastaturen und das Stimmen. Die junge Unternehmerin verantwortete Fertigung, Verkauf und Lieferung, führte die Korrespondenz, beantwortete Reklamationen. Als Frau an der Spitze eines Unternehmens wurde ihre Kompetenz angezweifelt, ein Konkurrent streute Gerüchte aus. Nannette plante daher einen Neuanfang in Wien, obwohl die Konkurrenz groß war.

Stabilere Bauweise

Unterstützt wurde sie bei dieser gewagten Aktion von ihrem Ehemann. Die geborene Augsburgerin war 25 Jahre alt, als sie 1794 Friedrich Schillers Freund, den Komponisten und Klavierbauer Andreas Streicher, heiratete. Noch im Jahr der Eheschließung übersiedelte das Paar nach Wien. Zunächst führte Nannette die väterliche Klavierbaumanufaktur gemeinsam mit ihrem Bruder Matthäus Andreas Stein, als "Frère et Soeur Stein d’Augsbourg à Vienne". Nach der geschäftlichen Trennung von ihrem Bruder 1802 leitete sie als 33-Jährige das Unternehmen im Haus "Zum Heiligen Florian" auf der Landstraße (heute Wien 3, Ungargasse 46).

Zu dieser Zeit ist das Verhältnis zu Beethoven bereits freundschaftlich. Das verrät die Korrespondenz zwischen ihm und dem Ehemann Nannettes. Beethoven sparte aber auch nicht mit Kritik, als er forderte, einen Instrumententypus aufzurüsten und seinem Spiel anzupassen: "Mehr Gegenhaltendes, Elastisches" müsse her, damit das Instrument seinem kraftvollen Anschlag standhielt. Zu schnell waren die Klaviere bisher abgespielt, selbst wenn kein sogenannter "Clavierwürger" das Instrument traktierte. Nach 1809 ging auch die Firma "Nannette Streicher née Stein" zur stabileren Bauweise über - und Beethoven sah fortan seine Vorliebe unter den von ihm gespielten (und manchmal malträtierten) Klavieren bestätigt: "Die deinigen habe ich doch immer vorgezogen."

Beethovens voranschreitender Hörverlust brachte Aufträge anderer Art. Die erste "Hörmaschine" ließ er 1818 von der Firma Streicher bauen. Eine zweite fertigte 1820 der Bruder von Nannette, Matthäus Stein, an. Komposition, Aufführungspraxis, Instrumentenbau und Markt befeuerten sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gegenseitig. 1824 besichtigte Beethoven mit Nannette Streicher die neuen "Patent Pianoforte" mit oberschlägiger Zungenmechanik, die über Jahrzehnte Absatz finden sollten. Der Sohn des Ehepaars Streicher, Johann Baptist, brachte den neuen Typus später zur Serienreife.

Streicher-Flügel (um 1820). - © Ἀστερίσκος, CC BY-SA 4.0
Streicher-Flügel (um 1820). - © Ἀστερίσκος, CC BY-SA 4.0

Die vielseitig begabte und sehr energische Nannette Streicher setzte sich auch als Stifterin eines Konzertsaals durch. Dieser befand sich ebenfalls in der heutigen Wiener Ungargasse und wurde zu einem Musikertreffpunkt. Es war ein akustisch hervorragender Raum, der am 16. April 1812 mit einem Wohltätigkeitskonzert zugunsten der "Gesellschaft adelicher Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen zum Besten armer Augenkranker" eingeweiht wurde. Der Saal war mit Büsten berühmter Musiker geschmückt, darunter ein Abbild Beethovens. Obwohl in erster Linie Dilettanten - unter Leitung namhafter Musiker - spielten, waren die Konzerte gesellschaftliche Ereignisse, besonders zur Zeit des Wiener Kongresses. Nannette musizierte, organisierte, präsentierte und fand dennoch Zeit für eine ganz besondere Tätigkeit: Fasziniert von den Vorlesungen des Arztes, Hochschullehrers und Hirnforschers Franz Joseph Gall, übersetzte sie dessen Lehre ins Französische.

Positiver Einfluss

Einen anderen Bewunderer hatte sie übrigens auch: Joseph Haydn. Dieser lobte "Madame Streichers Klavierspiel", während der Komponist und Klavierpädagoge Carl Czerny höhnte, dass die Amateurin seit drei Monaten die "Hammerklaviersonate" studiert habe und den ersten Teil immer noch nicht könne. Hingegen gehörte der Badener Dichter und Heimatforscher Hermann Rollett zu Nannettes Anhängern: Er beschrieb sie als "heiter offene Frau", hob allerdings ihre "hartgeformten scharfkantigen Züge" und ihr "lebhaftes, in Art und Ton der Sprache fast männliches Wesen" hervor.

So "männlich" kann Nannette dann doch nicht gewirkt haben, denn sie hatte mit ihrer Weiblichkeit auf Beethoven einen sehr positiven Einfluss. Vor allem gelang es ihr immer wieder, den genialen Musiker zu beruhigen, wenn sich dieser über Kleinigkeiten, wie spionierende Küchenmädchen, aufregte. Nannette war zwischen 1813 und 1818 seine Haushaltsberaterin und Vertraute. Selbst am Heiligen Abend wünschte Beethoven, über Rechte und Pflichten des Hauspersonals aufgeklärt zu werden. "Die M" fing an, "mich auf ihre allem Mistvolk eigene Art, aufzuziehen", klagt er.

Noch schlimmer die "B.": "Ihr warf ich meinen schweren Sessel auf den Leib und hatte dafür den ganzen Tag Ruhe." Beethovens handgreifliche Explosionen riefen nach einer Vermittlerin. "Seine beste Frau Streicher" sprang bereitwillig ein, wann immer es wieder einmal kriselte. Im Juli 1817 etwa als Krankenpflegerin, denn das Einnehmen von Medikamenten und die umständliche Badezeremonien schaffte der schwerkranke Meister nicht allein. In über sechzig kleinen Briefchen hat Beethoven Nannette Streicher um Rat in Erziehungs- und Haushaltsfragen gebeten, nachdem er die Vormundschaft über seinen Neffen übernommen hatte.

Rare Selbstzeugnisse

Wie aber kommt es, dass sich eine Unternehmerin so um einen fremden Haushalt kümmert? "Immer eifersüchtig, immer argwöhnisch" schon vor der Ertaubung, wie Nannettes Ehemann Andreas festhielt. "Was wir über Beethoven hören, macht ihn uns nicht liebenswerter", heißt es 1829 ähnlich in dem als "Eine Wallfahrt zu Mozart" berühmt geworden Reisetagebuch des Londoner Musikverleger-Ehepaars Mary und Vincent Novello.

Das Grab von Nannette, Andreas und Johann Baptist Streicher auf dem Wiener Zentralfriedhof. - © Susanne Wosnitzka, CC BY-SA 4.0
Das Grab von Nannette, Andreas und Johann Baptist Streicher auf dem Wiener Zentralfriedhof. - © Susanne Wosnitzka, CC BY-SA 4.0

Nannette Streichers Selbstzeugnisse sind rar, ihre Briefe an Beethoven sind nicht überliefert, auch Tagebuch und Wertpapiere soll ein Nachfahre in einem Anfall geistiger Verwirrung verbrannt haben. Wir begegnen in den Briefen an den zukünftigen Ehemann einer 23-Jährigen, die ihre gewitzte Korrespondenz im Geheimen und gegen den Willen der Mutter führt. Und wir begegnen einer Tochter, die darin eine enge Bindung an den verstorbenen Vater behauptet. "Ich weine noch so manche heiße Träne um einen Vater, der mein zweites Leben ausmachte." Diesen Satz schrieb die 23-jährige Nannette, als sie die Rolle der Familienerhalterin und der Geschäftsleiterin in der Klavier- und Orgelbauerfirma Stein in Augsburg übernehmen musste. Dies geschah auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter. Sie kannte ihre Tochter. Denn es gelang Nannette, den übersiedelten Betrieb zu einem der europaweit bedeutendsten Klavierbauunternehmen Wiens auszubauen. Zum Vertrieb ihrer Instrumente baute sie ein großes Netzwerk von Repräsentanten im deutschsprachigen Raum auf.

Am 16. Jänner 1833 starb die erfolgreiche Unternehmerin im 64. Lebensjahr in ihrer Wohnung Landstraße 412 an "Lungenlähmung". Sie wurde auf dem St. Marxer Friedhof beigesetzt. Nach dessen Schließung wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann in ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof umgebettet (Gruppe 32A, Nr. 30). Der gemeinsame Sohn Johann Baptist Streicher wurde 1833 Alleininhaber der Fabrik, die unter seiner Leitung zahlreiche Patente entwickelte und Weltruf erlangte. Nach ihm wurde im dritten Wiener Gemeindebezirk die Streichergasse benannt.